Artikel-Schlagworte: „Georg Seeßlen“

AVATAR – langweiliger kann Kino kaum sein

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Teddy Adorno hatte Zeit seines Lebens Angst, ein Kinobesuch könnte seinem Verstand schwerwiegende Schäden zufügen. Beim Besuch eines 3D-Blockbuster-Events wie zur Zeit AVATAR eines darstellt, wird diese Vermutung mehr als bestätigt. Doch ist der Adornosche Spleen auf den Hauptfilm bezogen zunächst indiskutabel. Denn zuerst sind 45 Min. schlimmster Werbefilmfolter für vollkommen überflüssige, meist zuckerhaltige Produkte (und der Schweiz), die es natürlich für den Gegenwert eines halben Wocheneinkaufs im Kino käuflich zu erwerben gibt (außer der Schweiz), zu überstehen. Selbst die YouTube-Trailer zum ‘Event’ AVATAR waren zumeist schon mit Werbung voll gestopft, erste Vorboten einer nicht enden wollenden Vermarktungskette. Hat man dann noch die in ihrer Machart grottig bis unterirdischen Lokalwerbespots, die noch nicht mal als Trashkurzfilm gelesen irgend einen Unterhaltungsmehrwert bieten könnten, hinter sich gebracht, ist das Wahrnehmungsvermögen schon derart intensiv benebelt, geprügelt und halb hingerichtet, dass das abschließende intellektuelle Massaker in Form des Hauptfilms endlich beginnen kann. Aber zu früh gefreut, der Knall bleibt aus, es ist ein quälend langsamer Tod.

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Nachgeschlagen: Der Bastard Zuschauer

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Actually Werner, we’re all tickled ya said that. Frankly, watchin Donny beat Nazi’s to death, is the closest we ever get to goin to the movies.

Nach dieser Ankündigung zoomt die Kamera in das Dunkel der Grotte, Heimat kollektiver Urängste, Sinnbild aller Alpträume – der Horror lauert stets im Verborgenen – und die Zuschauer erwarten wie die Basterds das Heraustreten des jüdischen Racheengels Donny, begleitet von dumpf widerhallenden Keulenschlägen gegen die Wände, eine infernalisch monotone Symphonie nahender Vergeltung. Nahezu liebevoll väterlich streichelt der Bear Jew, der verkehrte Messias, dem Sünder über die Wange, sein Blick ist verklärt, er zögert die Vollstreckung des altbiblischen Diktums noch einen Moment heraus, für ihn, für die Seinen und nicht zuletzt für den Zuschauer. Danach saust die Keule wieder und wieder auf den Nazischädel, unter wildem Gegröle spielt Donny seine ganz eigene Baseballpartie mit dem Opfer. Die Grausamkeit des Dargestellten wird in einem surrealen und äußerst satirischen, jungenhaften Spieltrieb aufgelöst, juchzend und schreiend vor Freude platzt unter den Schlägen der Kopf und der zum Kind mutierte Donny lässt sich von seinen Zuschauern, von uns, feiern. Sie wollten das gerade nicht sehen – warum haben Sie dann die Kinokarte gekauft? Das Prinzip ist einfach und Tarantino macht in aller Deutlichkeit seinen Standpunkt bezüglich cineastischer Gewalt klar: Du schaust meinen Film, du bekommst, was du bezahlt hast. Der Regisseur hat seine Zuschauer nie dezidierter auf die eigenen Sehgewohnheiten zurückgeworfen. Er treibt sein Kinderspiel am Ende des Films noch einmal auf den Höhepunkt, in dem er den Stolz der Nation den Flammen überlässt, wie die Zuschauer im Film, die verbrennen, explodieren und dabei noch – nur um sicher zu gehen – im Kugelhagel hingerichtet werden. Gereinigt, ohne schlechtes Gewissen und beschwingt von der Katharsis des eigenen Überlebens verlässt der Kinobesucher dann den Raum, um später mit Bekannten und Freunden die alte Laier des Darf-man-das-denn-so-darstellen? anzustimmen. Der Regisseur hingegen “aber sucht das Leben in den Zeichen, er macht uns begreiflich, daß wir dem Todestrieb schon aufgesessen sind, wenn wir unseren Leinwandsadismus entschuldigen: es ist ja nur Kino.[1] Oder um es mit Lt. Aldo’s Worten zu sagen:

You know somethin Uitivich, I think this just might be my masterpiece.

Ab hier übernimmt dann Herr Seeßlen.

[1] Georg Seeßlen, When Quentin met Leni, Dekonstruktion eines Dekonstruktivisten im Müllfilmland – anläßlich von Tarantinos Inglorius Basterds, in: konkret 9/2009

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