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Sigur Rós oder die Menschheit im Abendrot der Apokalypse

Sigur Rós, das bedeutet zarte melancholische Tiefe mit ironischem Augenzwinkern und kritischem Impetus. Eine isländische Band, an die ich vor Jahren meine Sinne verlor und deren Videos meines Erachtens zu den hervorragendsten der Videoclipgeschichte gehören. Traurig bis düster, zwischen Hoffnung und Niederlage des Menschengeschlechts aber immer in gemäßigtem Tempo sind die Videos der Isländer keine Bewegtbilder zur Musik, sondern vielmehr eigenständige Kurz- und Kunstfilme, die auf ihre ganz besondere Weise die conditio humana neu verhandeln.


Wir sehen in ausdruckslose Kindergesichter. Die Kleinen, einmal geprüft und untersucht, setzen ihre Gasmasken auf, um anschließend in die postapokalyptische Welt von morgen einzutreten, im Ascheschnee einer toxischen Atmosphäre herumzutollen und – wunderbar kohärent – schwarze Schneemänner zu bauen. Gewalt und Unschuld, eine der großen Dualismen klassischer Literatur, sind hier nicht konträr, sondern im dystopischen Abendrot vereinigt. Teils an den romantischen Mythos der Kinderzeit anknüpfend, teils sich in Entzauberung übend (Erinnerungen an die Kinderspiele in den Filmen Sam Peckinpah’s werden wach) wird Hoffnung hier allerdings nicht völlig suspendiert. Zwar tut es der Nachwuchs dem Ikarus gleich und springt über die Klippen, um, zumindest zeitweise fliegend, letztendlich doch lächelnd in die Tiefe zu stürzen. Doch da gibt es auch Rentner, die mit Holzschwertern bewaffnet durch die Vorortstraßen ziehen und sich selbst noch einmal neu erfinden; es ist nie zu spät das Versprechen auf die Rückerstattung der verlorenen Kindheit doch noch einzulösen.

Die Botschaften sind rückwärts gewandt und spiritistisch, manchmal wird dem Eskapismus gefrönt, manchmal in brutale Bodenständigkeit umgeschlagen. Sie mahnen den Menschen zur Wiederentdeckung der eigenen, körperbezogenen Natürlichkeit und dem Ideal naturverbundenen Lebens, doch ist hier nichts einseitig, was auch die große Stärke der visuell erzählten Geschichten ausmacht – es sind vermischte Empfindungen, die uns sacht heben und sacht wieder fallen lassen. Es sind vor allem Ausschnitte, die erzählt werden, episch angelegte Allegorien auf die Verlorenheit des heutigen Lebens, Flickenteppiche, in die der Wille zum Aufbruch, zur Ruhe, zum Widerstand und zur Selbstentdeckung liebevoll eingewebt sind.

Ästhetisch und photographisch sind die Musikkurzfilme auf aller höchstem Niveau, nichts anderes als kleine Meisterwerke. Martin Scorcese bemerkte einmal über Terrence Malick‘s Film Days in Heaven, man könne jedes Einzelbild dieses Films vergrößern und als Gemälde in einem Museum ausstellen – meines Erachtens gilt das ebenso für Sigur Ros. Und auch wenn ich die Musikvideos der üblichen verdächtigen Videokünstler und -revolutionäre wie Chris Cunningham, Michel Gondry oder Spike Jonze zu tiefst bewundere, haben mich die hier inszenierten Geschichten doch wie kaum etwas Anderes im gleichen Format ergriffen und bewegt. Meine Empfehlung: Machen Sie sich einen (schönen) Herbstabend mit Sigur Rós auf youtube und dann schieben sie den Film Heima gleich hinterher – wirklich ein visueller und klanglicher Orgasmus!

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