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Symposium in Köln
Unter dem Titel Ästhetik der Gewalt findet am 11. – 12. Juli 2009 am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln ein Symposium statt, bei dem es sich im Wesentlichen um die Gewaltdarstellung in verschiedenen Medien (von Publizistik über Malerei zu Film ist alles vertreten) geht. Die Themen behandeln einen zeitlich sehr weiten Raum, die Sujets scheinen sehr vielfältig zu sein. Mich dürften wohl am stärksten die Themenbereiche Medialität der Gewalt, Kriegsgewalt und Mythos und Gewalt interessieren. Ach ja, A Clockwerk Orange wird auch gezeigt; das ist zwar nicht gerade originell, aber immer wieder ein Erlebnis auf großer Leinwand. Bin sehr gespannt, etwas über den momentanen Forschungsstand jenseits der aktuell publizierten Werke in Erfahrung zu bringen – ob Wissenschaftler wohl Zombiefilme mögen? Ich werde es bestimmt herausfinden. Alle Interessierten mögen auf das Bild klicken. (Dank an Olli für den Tipp und Adi für das PDF.)
The Reel-Basterds
We will be cruel to the Germans,
and trough our cruelty, they will
know who we are. They will find the
evidence of our cruelty, in the
disembowed, dismembered, and
disfigured bodies of their brothers
we leave behind us. And the German
will not be able to help themselves
from imagining the cruelty their
brothers endured at our hands, and
our boot heels, and the edge of our
knives.
(Lieutenant Aldo, a hillbilly from the mountains of Tennessee)
Von Marinetti zur Ästhetik des Kriegsfilms
Die Ästhetik der Kriegsfilme erinnert sehr stark an jene, die in den futuristischen Manifesten beschrieben wird. Namentlich Marinettis Manifest zum äthiopischen Kolonialkrieg, aus welchem auch Walther Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz zitiert, ist zu entnehmen, welche Schönheit die Bilder des Krieges beinhalten. Dort heißt es, dass „der Krieg schön ist, weil er das Gewehrfeuer, die Kanonaden, die Feuerpausen, die Parfums der Verwesungsgerüche zu einer Symphonie vereinigt”[1]. Diese, vom Futurismus postulierte Schönheit des Krieges, die in einer Ästhetik des Krieges aufgeht, schlägt sich eben im Kriegfilm exemplarisch nieder. Geht es Marinetti noch um die Begründung der Herrschaft über die unterjochte Maschine, so wird dem Kriegfilm die maschinelle Gerätschaft zum ästhetischen Selbstzweck der Zerstörung. Der Verweis auf die futuristischen Manifeste wird hier erbracht, da diese, in einer positiven Lesart, als ästhetischer Leitfaden zur Produktion der filmischen Bilder dienen könnten. Denn nichts anderes wird dem Zuschauer hier geboten: „Im Krachen von Kugeln und Granaten, Explodieren von Häusern, Brücken, Türmen, im massenhaften Vernichten von Leben, im Zerplatzen von Körpern und Spritzen von Blut liegt ein Schauwert, der Attraktion und Schauwert für sich ist”[2]. Das moralische Empfinden des Zuschauers wird eben in diesen Momenten kompromittiert, indem der Aufklärungsgestus zu Gunsten der Unterhaltung suspendiert wird. Auch in sofern eignet sich der Kriegsfilm mit der Wahl seines Raumes als perfekte Ästhetisierungsoberflache der Grausamkeit. Dem Zuschauer soll vor dem filmischen Ereignis klar sein, dass Krieg per se schlecht ist. Die Ablehnung gegenüber dem Gegenstand der Erzählung wird hier einfach instrumentalisiert. Solange der Zuschauer das aufgeklärte Wissen um die Schlechtigkeit des Krieges im Allgemeinen mit sich bringt, dessen moralische Integrität also allgemeinverbindlich vorausgesetzt wird, darf er diese den Film über getrost vergessen und sich an den Bildern ergötzen. Darum ist es dem Genre so sehr daran gelegen, als eines der kritischen Reflexion wahrgenommen zu werden. Dass die kritische Distanz dann im Zuge des dargestellten Bilderrauschs in ihr Gegenteil umschlägt, ist ökonomisches Kalkül.
Unter diesen Prämissen bzw. mittels der futuristischen Lesart ist es interessant, sich die nachstehenden Sequenzen aus Apocalypse Now und Saving Private Ryan, zwei der bekanntesten sog. Antikriegsfilme, denen ein klar seitens der Regisseure formulierter Anspruch der Aufklärung oder auch der Sensibilisierung vor den Schrecknissen gewaltätiger Konflikte zu Grunde liegt, noch einmal anzuschauen (Natürlich erscheinen die Sequenzen hier aus dem weiteren Kontext der Filme heraus gehoben. Und obwohl der Kontext in Hinblick auf Gewaltästhetik das eigentlich entscheidende Moment ist – dazu im weiteren Verlauf des Blogs mehr -, stehen eben jene Szenen doch exemplarisch für die Gesamtstilistik und Ästhetik beider Werke; es geht zunächst lediglich um die unmittelbare Veranschaulichung oben genannter These.).
Warnung: Die nachfolgenden Filmausschnitte sind extrem gewalttätig und sollten nicht von Personen unter 18 Jahren angesehen werden!
Warum es den sog. Antikriegsfilm nicht gibt
Da ich in nächster Zeit über Kriegsfilme schreiben und diese im Kontext ideologischer Gewaltdarstellung untersuchen werde, möchte ich zunächst eine kurze Einführung in Form zweier Artikel geben, auf deren Basis weitere Auseinandersetzungen mit diesem Genre verständlicher werden. Die Artikel sind meiner Magisterarbeit entnommen und haben auch dort die Funktion einer Einführung.
Das Genre des sog. Antikriegfilm existiert nicht. Dies lässt sich aus der Beobachtung schließen, dass der Antikriegsfilm sich selbst als aufklärerisches Genre begreift und dabei dem selbst auferlegten Diktum folgt, Krieg als Barbarei darzustellen. Antikriegsfilme wollen also eine moralische Instanz einnehmen und dem Zuschauer warnend vermitteln, dass Krieg verabscheuungswürdig und unter allen Umständen zu vermeiden sei. Und dies soll dadurch erreicht werden, indem fortwährend die abscheulichsten Bilder von Kriegen produziert werden[1], eingebettet in Geschichten, die nach den konventionellen Erzählmustern der Filmindustrie funktionieren. An diesem Punkt führt sich der Antikriegsfilm selbst ad absurdum, wenn „er das Grausame beklagt und dafür unentwegt Bilder des Grausamen zeigt”[2]. Gerade der Krieg bietet sich, als anarchischer Raum in Vollendung, zur Produktion höchst ästhetischer Gewaltbilder an, die dem Zuschauer den gleichen visuellen Reiz bieten sollen, wie die spektakulären Showdowns im Actionfilm. Nur dass sich in diesem amoralischen Raum die Ästhetisierung und damit der Schauwert in ihr Extrem steigern. In diesem Szenario werden dann noch die gleichen seriell produzierten, konventionellen Heldengeschichten erzählt, die das typische Erzählkino ausmachen. Die variierenden Schauplätze des Kriegfilms dienen also als Folie der Faszination, da sich auf dieser Strategie, Körperästhetik, Heldentum, Kameradschaft und vor allem das Sterben exemplarisch darstellen lassen, „woraus seine Eignung für das Melodram, das Heldenspektakel, opulente Bildästhetik, sowie die Emotionen Rührung und Mitgefühl resultieren”[3]. Der Krieg als Situation, als Raum einer filmisch erzählten Geschichte, eignet sich wie kein zweiter, um mit klaren ideologischen Demarkationslinien zu arbeiten, wie Gut und Böse, Schuld und Unschuld oder Täter und Opfer, die die dargestellte Gewalt rechtfertigen sollen. Ein Spezifikum des Antikriegsfilms ist überhaupt die grundlegende Tatsache, dass in ihm Gewalt in erster Instanz überhaupt nicht mehr gerechtfertigt werden muss, da sie im Kern schon vorliegt: Kriegschauplätze sind Schauplätze der Gewalt, der Kriegsfilm rechtfertigt seine Gewaltdarstellungen per se, aus seiner eigenen Grundkonstitution heraus. Mit der Wahl des filmischen Erzählraums Krieg ist die dargestellte Gewalt schon im Voraus gerechtfertigt, da Krieg zunächst nichts anderes als Gewalt ist. Allein diese aller Moral entbehrende Strategie macht deutlich, warum es den sog. Antikriegfilm nicht geben kann, da „Kriegfilme das ausbeuten, was sie sichtbar machen – gerade wenn sie behaupten, gegen das zu sein, wofür sie so mühevoll ihre Bilder arrangieren, denn schon während sie die Gewalt anprangern, huldigen sie ihr zugleich. Auch wenn sie noch so strikt gegen den Krieg argumentieren, feiern sie zugleich seine Mittel”[4]. Der Kriegfilm (der programmatische Präfix anti- wird im Folgenden weggelassen) ist zudem in seiner Herstellung äußerst kostspielig und steht somit unter der Zielsetzung wirtschaftlicher Rentabilität. Er muss unterhaltend sein, wenn er die Produktionskosten wieder einspielen soll. Die Ästhetisierung der Barbarei sorgt für den nötigen Schauwert, der das Publikum in die Kinosäle locken soll. Also wird die Barbarei zur Unterhaltung stilisiert, woran die grundlegende Verfehlung des eigenen aufklärerischen Diktums deutlich wird: was im moralischen Sinne belehren soll, kann nicht unterhaltsam sein. Das Genre bedient sich im Wesentlichen der gleichen Erzählmuster wie der Actionfilm, konstituiert sich aus den gleichen wirtschaftlichen Vorgaben und wendet die gleichen ideologischen, melodramatischen oder mythischen Milderungs- und Abschwächungsmechanismen an, durch die auch die Gewalt im konventionellen Actionfilm für den Zuschauer berieselnd – genussvoll aufbereitet wird. Der Krieg wird hier nicht zum Gegenstand der Kritik erhoben, sondern dient der extremsten Gewaltdarstellung zum Selbstzweck. Insofern „sind und bleiben Kriegsfilme die Bastarde des Kinos”[5].
[1] „Sie (Kriegsfilme) beschwörend den Himmel und beschreiben die Hölle”. Norbert Grob, Akt der Gewalt, Zur Faszination von Schrecken und Gewalt im Kino, in: Marcus Stiglegger (Hrsg.), Kino der Extreme, Kulturanalytische Studien, St. Augustin 2002, S. 172.
[2] Ebenda, S. 172.
[3] Thomas Klein, Der inszenierte Krieg, Emir Kusturicas Underground, in: Marcus Stiglegger (Hrsg.), Kino der Extreme, Kulturanalytische Studien, St. Augustin 2002, S. 227.
[4] Grob, Akt der Gewalt, S. 172.
[5] Ebenda, S. 172.








