Archiv für die Kategorie „Straßenkunst“
Meditative Pause – Bücherobelisk in Kreuzberg
Und da sah ich ihn: Den Bücherobelisken vor Umbras Kuriositätenkabinett in Kreuzberg (so einen Satz wollte ich immer schon mal schreiben). Mit einer Höhe von etwa 2,50 Meter, gekrönt von zwei alten Schreibmaschinen, stechen aus dem schneebedeckten Bauwerk Titel wie „The Columbia Encyclopedia“, „Zur guten Stunde“ oder „Hotels zum Träumen“ hervor. In der oberen Etage wacht Marcel Reich-Ranicki, wie auch sonst, über den Bestand der holzmedialen Kultur. Wenn sich archaische Baukunst und Schriftkultur ein Stelldichein in Schneewehen liefern – ausdrucksstark und postmodern; eine Einladung zum Verweilen.
Riesen reisen durch Berlin
Die französische Compagnie Royal de Luxe unter der künstlerischen Leitung von Jean Luc Courcoult war zu Gast in Berlin und hat die Stadt mit ihren gigantischen Marionetten verzaubert. Mit 7m und 15m Höhe sind die Figuren, die von der emsigen Künstlertruppe tatsächlich durch die Stadt gepuppenspielt wurden, ein atemberaubender Anblick. Erinnerungen an Being John Malkovich werden wach und eine kindliche Freude darüber, dass es dies tatsächlich gibt. Man kann nur staunen, wie es die Künstler mittels exakter Abstimmung untereinander und durch extreme Einbringung ihrer Muskelkraft verstehen den Figuren Leben einzuflössen. Nachdem die Riesin von ihren Dienern aufgeweckt und angekleidet wurde, bewegte sie sich auf einem künstlichen Schiff durch die Stadt, um später dann tatsächlich auf die Spree verschifft zu werden. Die mehr als doppelt so große Figur des Tauchers wurde sogar per Kran aus der Spree aufgetaucht. Da das Spektakel über den Tag der Deutschen Einheit verlief, wurden aus einer Konfettikanone Kopien alter Postkarten und Briefe ins Publikum geschossen. Diese Schriftstücke, die einst geschrieben von Kindern zur Zeit des geteilten Deutschlands nie zugestellt wurden, kamen so endlich zu ihrem Recht. Einzeln geborgen aus dem Dunkel der Stasiarchive, vervielfältigt in den Himmel geschossen und dem Wind als Zufallsboten übergeben – eine schöne und zarte Idee.
Ich besuchte die Parade zusammen mit einem französischen Freund, der aus dem Städtchen Nantes kommt, der Heimat von Royal de Luxe. Dort hat er sie schon einmal gesehen und wunderte sich über die extremen Sicherheitsvorkehrungen, da in seiner Heimatstadt während des laufenden Umzugs die Puppen auch berührt werden dürfen und sogar Kinder auf die Marionettenarme gehoben werden. Ein anderer Kollege aus Frankreich war etwas traurig über das Verhalten älterer Zuschauer, die sich vor seine Jüngste schoben und auch nach Bitten die Kleine nicht vorließen. Und wieder einmal musste ich mich ein wenig der hiesigen Kinder(un)freundlichkeit schämen und anerkennen, dass in Deutschland Spaß halt seine Grenzen hat.
Viel Photomaterial und ein schönes Video, das die Dramaturgie des Riesenumzugs widergibt, findet sich auf VisualBlog.












