Archiv für die Kategorie „Kommentar“

Fuck Everybody – Amen!

Lautstärkeregler hoch (der Ausschnitt ist sehr leise), zurück lehnen und genießen!


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Winded, and shaken, and shamed*

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Eine lange Einleitung bleibt dem Zuschauer erspart, es geht medias in res. Wir sehen die Slums von Johannesburg, wir sehen Brutalität, Unterdrückung, Rassismus, Militarismus und Internierung. Wir sehen eine sich im Lager der Sonderlinge heran bildende Subkultur. Und dann sehen wir einen netten, sympathisch unbeholfenen Bürokraten guten Willens, der die Uminternierung der Sonderlinge in ein kostengünstigeres Lager leiten soll. Der pure Zufall will es, dass er zu einem der Ihren wird. Er lernt Brutalität, Unterdrückung, Rassismus, Militarismus und Internierung kennen, wird gefoltert und zu grausamen Experimenten missbraucht – von den eigenen Leuten, besonders seinem Schwiegervater, wohlgemerkt. Bis zuletzt kämpft er und gibt nicht auf doch noch zu seiner Familie zurückkehren zu können. Die zwei kitschigen letzten Einstellungen verweisen auf einen möglichen zweiten Teil.

District 9 ist angelegt als Mediencollage. Die Geschichte wird in einem Verschnitt aus Fernsehinterviews, Reportageelementen, Nachrichtenfragmenten, Dokumentarmateriel und privaten Aufnahmen erzählt, die Handlung mittels Sprungraffung enorm schnell nach vorne getrieben. Die lineare Erzählung wird immer wieder durch die Interviews und Statements der Fernseh- und Reportageelemente durchbrochen, es werden Zustände geschildert, die zeitlich vor oder nach der Kernhandlung liegen. Das wirkt einerseits verwirrend, andererseits gewinnt die Geschichte dadurch an Komplexität und Tiefe. Der Film kommt als Flickenteppich daher. Neue Löcher werden in die Erzählstruktur gerissen, alte werden gestopft. So ergibt sich allmählich, Fetzen für Fetzen, ein Gesamtbild.

Außerdem erhält der Film durch die harte, sprunghafte Struktur sehr viel Kraft und wirkt gerade in Kombination mit der dargestellten triebhaften und psychischen Brutalität und dem dokumentarischen Charakter der Bilder auf den Zuschauer nahezu selbst brutal. Die erste Hälfte des Films ist hervorragend und außergewöhnlich – nichts weniger als ein Meisterwerk des Science Fiction-Films. Im Setting eines nahen dystopischen Weltentwurfs, wird die Dystopie des Heutigen entlarvt. Der Film ist eine Allegorie, die Außerirdischen werden als Lebewesen, als das in Sprache, Aussehen und Verhalten Fremde dargestellt, ersetzbar durch jedes andere geknechtete, unterdrückte, zur Vernichtung bestimmte Kollektiv. Sie dienen als Folie auf der die Greueltaten an Ethnien vergangener und heutiger Tage verhandelt werden können; Außerirdische in ihrer filmischen Konzeption weniger als fiktives Element denn als Metametapher. Auch hier gibt es Vorbilder aus dem Genre, wie z.B. Enemy Mine. Der Unterschied ist nur, dass dieser Film nicht auf einem erdachten Stern, sondern auf der Erde, in Südafrika spielt, in einer Stadt, die sich offiziell vor gerade mal 20 Jahren vom System der Apartheid löste. Der Mensch ist hier zu jeder Zeit die Bestie und District 9 entpuppt sich als Vexierspiel.

Wie sich der Protagonist durch seine lange, physische Metamorphose quält (Referenzen an The Fly) so wandelt sich auch der Film. Dieser wird allmählich von einem die Medienmechanismen dekonstruierenden und die Verhaltensmuster der Menschen gegenüber dem Fremden spiegelnden Indymelodram zu einer typischen Ballerorgie im Blockbusterstil. Ist dies Formspiel mit tieferem Sinn? Soll es gar bedeuten, dass ein großes Publikum, der Erfolg in Zahlen, nur noch mittels konditionierter Erzählstrategien zu erreichen ist, also Kritik am Blockbustersystem? Handelt es sich vielleicht um ein trojanisches Pferd, in dem sich die Kritik versteckt? Dann wäre hier das Pferd im wahrsten Sinne des Wortes von hinten aufgezäumt. Oder haben die Autoren den Ansatz einfach nicht durchgehalten, wussten nicht die komplizierte Form beizubehalten und die Geschichte gen Ende sinnvoll aufzulösen ohne selbige der Form zu opfern? Ob Schwäche oder Kalkül, der Film hat sich durch seinen Erfolg selbst geadelt und auch wenn hier sehr viel mehr zu holen gewesen wäre, ist er doch mehr als empfehlenswert – man kann auch einfach eine halbe Stunde vor Ende abschalten.

* “You don’t feel bamboozled, fooled, or patronized by District 9, as you did by most of the summer blockbusters. You feel winded, and shaken, and shamed.” Anthony Lane, The New Yorker, September 14, 2009, S. 115.

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Bilder Träume

Oder: Wenn ein Jacket und eine Plastikflasche die Kunst gefährden.

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Am Wochenende besuchte ich die Ausstellung Bilder Träume in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Vorab, die ausgestellten Exponate sind großartig, berührend, mitreißend, absolut sehenswert. Doch immer wenn ich ein Museum besuche, fühle ich mich irgendwie unwohl. Und das liegt meist an dem misstrauischen Klima, das in einem herkömmlichen (deutschen) Museum vorherrscht: es geht zu wie in einem Hochsicherheitstrakt. Man steht unter andauernder Beobachtung der Wärter. Ich schlenderte die Bilder entlang, da kam schon die erste Aufseherin und forderte mich auf, natürlich als Bitte formuliert, mein Jacket entweder um den Bauch zu binden oder selbiges wieder anzuziehen. Ich hatte nämlich einen nahezu unzumutbaren Fehler begangen: Das Jacket baumelte mir lässig über dem Arm. Nicht wissend, dass diese Geste ein immenses Gefahrenpotential für die dort versammelte Kunst darstellte, fragte ich naiv: Warum? Die Erklärung wurde mir prompt serviert. Ich könne nämlich entweder mit dem nachlässig hängenden Stoff die Bilder im Vorbeigehen beschädigen oder aber, und man muss gestehen, dass die nun folgende Ausführung sehr viel sinnvoller ist, ich könne eine die Bilder schädigende Substanz darunter verbergen, wie zum Beispiel Säure. Säure?!?Ja, Säure! Einleuchtend, wie konnte ich darauf nicht von selbst kommen. Die Gefahrenquelle aus dem Weg geräumt setzte ich meinen Weg fort. Einige Räume und ein Dutzend Aufseher später ließ ich mich kurz auf eine Sitzgelegenheit nieder und nahm einen Schluck Wasser aus einer mitgeführten Flasche. Dies rief erneut einen der Wärter auf den Plan. Das geht ja gar nicht, also da kriegen Sie wirklich Ärger, schallte mir die Stimme des sich in all seiner drohenden Würde nun vor mir aufbauenden Mannes entgegen. Wiederum fragte ich, was ich denn diesmal angestellt habe, immer noch naiv, doch schon im Wissen, dass ich die Exponate höchstwahrscheinlich erneut einer unverzeihlichen Gefahr ausgesetzt haben musste. Sie müssen die Flasche sofort an der Garderobe abgeben, denn es ist strengstens verboten, Flüssigkeiten mit in die Ausstellung zu bringen! Blitzschnell wurde mir klar, dass sich in der Trinkflasche natürlich Säure befinden konnte, so dass ich die Flasche einfach in einem Zug leerte, den Wärter angrinste und entgegnete, dass die Flasche ja nun leer sei, und ich jetzt wohl nicht mehr zurück zur Garderobe müsse. Da könne man nochmal ein Auge zudrücken – Ich konnte gar nicht gespielt genug zum Ausdruck bringen, wie sehr es mir Leid tat, dass ich es gewagt hatte, eine Plastikflasche stillen Wassers auf meinem Weg durch die schlecht belüfteten, die Kehle innerhalb weniger Minuten austrocknenden Hallen mit mir zu führen und dankte ehrerbietig der großen Kulanz des Wärters. Beim Weitergehen hörte ich ihn noch zum Herrscher des nächsten Raumes sagen: Der da hat eine leere Flasche bei sich, aber ich habe ihm die Erlaubnis erteilt, diese weiter mit sich zu führen. Nach diesem Erlebnis bewundere ich Banksy einmal mehr für seine tollkühnen Aktionen und denke darüber nach, was wohl passiert wäre, hätte das Personal mein Feuerzeug und mein Taschenmesser entdeckt.


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