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Zombie!
Für George A. Romero sind Zombiefilme mehr als die dezidiert gefilmte, bloße Zerlegung des menschlichen Körpers. Er verstand (und versteht) diese besonders in ihrer kritisch-subversiven Ausdruckskraft und verhandelt in seinen Filmen Themen wie Rassismus, Krieg oder Isolation des (post)modernen Menschen. Spätestens seit Shaun of the Dead und Zombieland ist das Genre auch massenkompatibel geworden, wobei das Komödienpotential des Zombiefilms im Vordergrund steht. Ich habe mich in den letzten Tagen mal auf die Suche nach Grafiken bzw. Illustration gemacht (ich liebe deviantART), die das Thema Zombie zur Werkgrundlage gewählt haben und dieses witzig und ausgefallen aufarbeiten. Hier die Ausbeute:
Winded, and shaken, and shamed*
Eine lange Einleitung bleibt dem Zuschauer erspart, es geht medias in res. Wir sehen die Slums von Johannesburg, wir sehen Brutalität, Unterdrückung, Rassismus, Militarismus und Internierung. Wir sehen eine sich im Lager der Sonderlinge heran bildende Subkultur. Und dann sehen wir einen netten, sympathisch unbeholfenen Bürokraten guten Willens, der die Uminternierung der Sonderlinge in ein kostengünstigeres Lager leiten soll. Der pure Zufall will es, dass er zu einem der Ihren wird. Er lernt Brutalität, Unterdrückung, Rassismus, Militarismus und Internierung kennen, wird gefoltert und zu grausamen Experimenten missbraucht – von den eigenen Leuten, besonders seinem Schwiegervater, wohlgemerkt. Bis zuletzt kämpft er und gibt nicht auf doch noch zu seiner Familie zurückkehren zu können. Die zwei kitschigen letzten Einstellungen verweisen auf einen möglichen zweiten Teil.
District 9 ist angelegt als Mediencollage. Die Geschichte wird in einem Verschnitt aus Fernsehinterviews, Reportageelementen, Nachrichtenfragmenten, Dokumentarmateriel und privaten Aufnahmen erzählt, die Handlung mittels Sprungraffung enorm schnell nach vorne getrieben. Die lineare Erzählung wird immer wieder durch die Interviews und Statements der Fernseh- und Reportageelemente durchbrochen, es werden Zustände geschildert, die zeitlich vor oder nach der Kernhandlung liegen. Das wirkt einerseits verwirrend, andererseits gewinnt die Geschichte dadurch an Komplexität und Tiefe. Der Film kommt als Flickenteppich daher. Neue Löcher werden in die Erzählstruktur gerissen, alte werden gestopft. So ergibt sich allmählich, Fetzen für Fetzen, ein Gesamtbild.
Außerdem erhält der Film durch die harte, sprunghafte Struktur sehr viel Kraft und wirkt gerade in Kombination mit der dargestellten triebhaften und psychischen Brutalität und dem dokumentarischen Charakter der Bilder auf den Zuschauer nahezu selbst brutal. Die erste Hälfte des Films ist hervorragend und außergewöhnlich – nichts weniger als ein Meisterwerk des Science Fiction-Films. Im Setting eines nahen dystopischen Weltentwurfs, wird die Dystopie des Heutigen entlarvt. Der Film ist eine Allegorie, die Außerirdischen werden als Lebewesen, als das in Sprache, Aussehen und Verhalten Fremde dargestellt, ersetzbar durch jedes andere geknechtete, unterdrückte, zur Vernichtung bestimmte Kollektiv. Sie dienen als Folie auf der die Greueltaten an Ethnien vergangener und heutiger Tage verhandelt werden können; Außerirdische in ihrer filmischen Konzeption weniger als fiktives Element denn als Metametapher. Auch hier gibt es Vorbilder aus dem Genre, wie z.B. Enemy Mine. Der Unterschied ist nur, dass dieser Film nicht auf einem erdachten Stern, sondern auf der Erde, in Südafrika spielt, in einer Stadt, die sich offiziell vor gerade mal 20 Jahren vom System der Apartheid löste. Der Mensch ist hier zu jeder Zeit die Bestie und District 9 entpuppt sich als Vexierspiel.
Wie sich der Protagonist durch seine lange, physische Metamorphose quält (Referenzen an The Fly) so wandelt sich auch der Film. Dieser wird allmählich von einem die Medienmechanismen dekonstruierenden und die Verhaltensmuster der Menschen gegenüber dem Fremden spiegelnden Indymelodram zu einer typischen Ballerorgie im Blockbusterstil. Ist dies Formspiel mit tieferem Sinn? Soll es gar bedeuten, dass ein großes Publikum, der Erfolg in Zahlen, nur noch mittels konditionierter Erzählstrategien zu erreichen ist, also Kritik am Blockbustersystem? Handelt es sich vielleicht um ein trojanisches Pferd, in dem sich die Kritik versteckt? Dann wäre hier das Pferd im wahrsten Sinne des Wortes von hinten aufgezäumt. Oder haben die Autoren den Ansatz einfach nicht durchgehalten, wussten nicht die komplizierte Form beizubehalten und die Geschichte gen Ende sinnvoll aufzulösen ohne selbige der Form zu opfern? Ob Schwäche oder Kalkül, der Film hat sich durch seinen Erfolg selbst geadelt und auch wenn hier sehr viel mehr zu holen gewesen wäre, ist er doch mehr als empfehlenswert – man kann auch einfach eine halbe Stunde vor Ende abschalten.
* “You don’t feel bamboozled, fooled, or patronized by District 9, as you did by most of the summer blockbusters. You feel winded, and shaken, and shamed.” Anthony Lane, The New Yorker, September 14, 2009, S. 115.
Happy Headshot
Der Happy Headshot von Olli Billmann. So schön kann Sterben sein. Freudig erwartet, voller Genuß sieht er dem Geschoss entgegen, das sich in sein Sehen bohrt und abermillionen Anderen tagtäglich rund um die Uhr in den Redundanztempeln dieser Welt. Eine treffende Comicallegorie auf die Schaulust des Publikums in Angesicht der gerechten Blockbustermorde auf den Metroplexleinwänden. So lasset uns auch weiterhin unsere Selbstzerstörung als ästhetischen Hochgenuss ersten Ranges belustigt feiern und dem Headshot huldigen.

Happy Headshot von Olli Billmann steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.
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