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Full Metal Jacket: Der Haufen Scheiße Mensch

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Die Brillanz von Kubricks Konzept war im Grunde ganz schlicht, lag so weit an der Oberfläche, dass man kaum eine  andere Wahl hatte als daran vorbei zu schauen: Nach gut einer halben Stunde der widerlichsten, glaubwürdigsten Folter, die den Rekruten durch die Hand ihres ikonisch gewordenen Ausbilders zuteil wird, ist das Gemetzel in Vietnam – zu verführerischem 60s Beat, voller exotischer Kulissen und witziger pseudointellektueller One-Liner – fast eine Erlösung. Eindrucksvoller lässt sich dem offenherzigen, toleranten, gebildeten Mitteleuropäer fmj4der psychologische Sog der militärischen Ausbildung kaum darstellen. Und dann ist sie endlich vorbei, diese unsägliche Tour de Force, und der Krieg kann anfangen. Die Frage, an der kein Kriegsfilm vorbeikommt, das hochtrabende “Warum des Krieges” – Kubrick bricht es ganz simpel auseinander, und das schlichte Prinzip, den Zuschauer in die Rolle des Protagonisten zu stecken, wurde selten so konsequent umgesetzt.

Der Sog ist da – der des Films und der des Krieges -, und er wirkt auf wen auch immer, gleich welcher kulturellen Prätention, auch und gerade auf den genannten Mitteleuropäer, auf den transatlantischen Prototypen des Idealisten. Aus dem guten Joker – aus der Spielkarte, die jede Karte ersetzt – wird der Mitfolterer, der Killer, der Genießer des Schauplatzes Vietnam, der Triptourist, der Aussteiger, der immer den “Shit” sucht, aber sein Peace-Zeichen und das “Born To Kill” auf dem Helm miteinander im Einklang sieht – “die Sache von Jung, die Dualität des Menschen”, erklärt er einem perplexen Colonel sein Outfit. Nichts neues also, außer an diesem gottverlassenen Ort. Nichts neues, und nichts könnte Full Metal Jacket ferner sein als künstlerische Innovation, ohnehin eine der dämlicheren Lobhymnen, die über jeden besseren B-Streifen ergossen wird. Es geht bloß um den Transport, die geographische Relokalisierung des immer gleichen Denkmusters, wenn man so will: um Idelogieexport.

Und was hätte Kubricks 87er Film, gut 20 Jahre nach der Tet-Offensive, knapp 20 Jahre vor “Golfkrieg – Die Fortsetzung”, weitsichtiger machen können? Hier wird nichts geschaffen, hierfmj5 wird verlagert. Und dann wird geschossen, mit gehörigem Schauwert. Man lacht – mit trockener Kehle zwar, aber man lacht – über die Sprüche des Ausbilders, man akzeptiert seinen gerechten Tod, weint um den guten Fettsack, der es doch als Scharfschütze hätte schaffen können – aber im Grunde ist es besser, dass er aus der Welt ist -, lacht mit dem cleveren Joker, der es den muskulöseren Marines mit Witz und Bildung gleichtut, schüttelt den Kopf über all die Gewalt und die Unmenschlichkeit der Soldaten, ist gefangen vom nervenzerreißenden Showdown, der uns einen Tod sogar in Zeitlupe schenkt — und hat doch die ganze Zeit diese seltsame Gefühl, Kubrick schaue einem schon wieder über die Schulter, mit diesem fragenden Blick, der sagt: Du verstehst doch eigentlich gar nichts. Kubricks Brillanz ist, mit dem Antikriegsfilm den Zuschauer zu unterhalten. Und damit den ganzen Kriegsfilm mit einem einzigen gezielten Streich auszuhöhlen. Gegen sich selbst zu wenden.

Es geht hier nicht darum, ein Meisterwerk zu vereinfachen, ganz im Gegenteil. Es geht darum, zu sagen, dass Kubricks Film ein Meisterwerk der Vereinfachung ist. Full Metal Jacket ist Metakino im besten Sinne: die sorgfältige Stapelung möglichst vieler Schichten von Stereotypen zu einem wohlangeordneten Haufen Scheiße (oder einfach: Tarantino ohne psychosexuelle Unsicherheit); “Wie groß sind sie, Rekrut?” “1,75, Sir.” “1,75? Ich wusste nicht, dass man Scheiße so hoch stapeln kann.” Der Haufen Scheiße Mensch – das ist die Selbsterklärung des Regisseurs Kubrick, des Drill Seargents der Zuschauer – ist eine wunderbare Analogie zum Haufen Scheiße Vietnamfilm. Der Vietnamfilm ist witzig, schmissig, packend, nicht mehr belehrend wie der Film des zweiten Weltkriegs, sondern unterhaltsam, vom Fernsehen und seiner Ästhetik ebenso geprägt wie von verlorenen 60er-Jahre-Studenten, die sich an ihre Kindheit mit John Wayne erinnern. fmj6John Wayne, Idealismus und Exotismus, aber bitte mit einem zeitgemäßen Soundtrack. Und als es sich dann über vietnamesische Nutten, prächtige afroamerikanische Geschlechtsteile und den Showdown samt totem weiblichen (!) Scharfschützen hinaus ans unvermeidliche Ende gegroovt hat, ist das Kingsize Popcorn leer und die US Boys genauso desillusioniert wie der Zuschauer. Wie eine Prozession begleitet die Kamera die durch die brennende Nacht patroullierenden, in gegenseitiger Beruhigung singenden Soldaten. “M-I-C-K-E-Y-M-O-U-S-E” tönt es aus dem Hintergrund, Joker trägt irgendein Gewäsch über die Erfahrungen des Krieges vor, und kann doch nicht verhindern, das der Film zu Ende geht. Der Film endet, und damit sein Fenster unserer Aufmerksamkeit, und mit unserer Aufmerksamkeit der ganze Antikriegsfilm. Was folgt sind ein schwarzer Bildschirm und, natürlich, die Rolling Stones: I see a red door and I want to paint it black.

Daniel Wagner

siehe auch:

Warum es den sog. Antikriegsfilm nicht gibt

Von Marinetti zur Ästhetik des Kriegsfilms

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In the meantime

Guckloch

Lange habe ich nichts mehr geschrieben und einiges an Bildinformationen sind seit meinem letzten Beitrag in das kollektive Gedächtnis der Rezepienten getröpfelt. Durch eine sehr positive Zäsur in meinem Leben bin ich nun glücklicher Einwohner Berlins (Kreuzberg) und bin des Weiteren endlich in der Lage, jeden Film in O-Ton auf Leinwand zu bewundern, ohne dass ich gezwungen bin, hierfür das Land zu verlassen. Außerdem wohne ich mit Mathieu Honoré, seines Zeichens Editor und somit ebenfalls vom Fach, zusammen, was nicht nur meiner Beschäftigung mit dem Medium Film, sondern auch meiner allgemeinen kulturellen Bildung über alle Maßen zuträglich ist. Beflügelt vom Netzgedanken möchte ich meine erweiterte Erfahrungswelt nun teilen, etwa in dem Sinne, dass wir in unserer Wohnung eine Art Filmpinnwand etablieren werden, auf der wir alles Gesehene, Inspirierende und Fesselnde für den jeweils anderen notieren. Diese werde ich mittels einer Unterseite auf diesem Blog sukzessive veröffentlichen. Also schaut mit uns gemeinsam durch das Loch in der Wand und geht auf Entdeckungsreise in die filmischen Welten, die da kommen mögen.

Geschrieben habe ich in der Zwischenzeit zwar wenig, geschaut dafür umso mehr und allerhand hat sich seit dem letzten Beitrag angesammelt. Lange Rede, weiter Sinn, es wird wieder veröffentlicht und den Anfang macht ein Gastbeitrag von Daniel Wagner, Freund und schreibender Mittäter, Kommunikationswissenschaftler, Philosoph und Politologe, dessen Texte ich sehr schätze und hoffe, dass ich ihn in Zukunft noch des Öfteren hier begrüßen darf. Also viel Spaß mit den kommenden Beiträgen und gelungene Reflektion!

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Happy Headshot

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Der Happy Headshot von Olli Billmann. So schön kann Sterben sein. Freudig erwartet, voller Genuß sieht er dem Geschoss entgegen, das sich in sein Sehen bohrt und abermillionen Anderen tagtäglich rund um die Uhr in den Redundanztempeln dieser Welt. Eine treffende Comicallegorie auf die Schaulust des Publikums in Angesicht der gerechten Blockbustermorde auf den Metroplexleinwänden. So lasset uns auch weiterhin unsere Selbstzerstörung als ästhetischen Hochgenuss ersten Ranges belustigt feiern und dem Headshot huldigen.

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Creative Commons License
Happy Headshot von Olli Billmann steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.
Beruht auf einem Inhalt unter www.ghostofthemovie.de.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse erhalten Sie möglicherweise unter http://www.ghostofthemovie.de/.

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Videosampler#2

Videosampler_2

Auch diesmal habe ich wieder die absoluten Perlen der Filmlandschaft für euch ausgewählt. Von Monster-Trash über einen Remake-Filmwettbewerb bis hin zu einer wirklich kuriosen Top 50 Liste ist alles vertreten. Wie immer wünsche ich ein absurdes Vergnügen!

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Werbung, Gewalt und Subtext


YouTube Direkt


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Zunächst gilt es festzustellen, dass beide Werbeclips in der Machart vollkommen unterschiedlich sind. Der erste ist eine Computeranimation, besteht aus nur einer einzigen Plansequenz und wird in der Ich-Perspektive visualisiert. Der Zweite hat eine sehr hohe Schnittfolge, unterschiedliche Einstellungen (obwohl die Groß- bzw. Detailaufnahmen dominieren), wechselt stetig zwischen Zeitraffer und Zeitlupe und ist größtenteils in Realfilm gedreht. Doch besitzen beide ein übereinstimmendes, primäres Element: Die Werbebotschaft wird mittels eines Kriegssujets kommuniziert. Und das ist relativ außergewönlich, wenn man sich die beworbenen Produkte einmal genauer anschaut. Im ersten Fall wird die international tätige Sprachschule inlingua beworben, im zweiten ein Antiallergikum. Interessant ist auch die ästhetische Umsetzung. Der inlingua-Spot bedient sich der klassischen Ego-Shooter-Ästhetik, in ihrer vorliegenden Ausprägung an eine Mission aus dem Genre der WWII-Shooter (Omaha Beach) erinnernd, während der Benadryl-Spot eher an ein Vietnamfilmsetting erinnert. Während erster Spot äußerst kohärent in der Visualisierung der Botschaft verfährt, da alle Objekte aus Buchstaben bestehen, ist der zweite maßgeblich durch Dekontextualisierung geprägt, der eine gewalttätig-kriegerische Assoziation einzig auf der tonalen Ebene etabliert. Natürlich ist der reinen Visualisierung mittels der Großaufnahmen von aufplatzenden, explodierenden oder ins Bild hereinbrechenden Sporen und Samen an sich schon eine gewisse Gewalt inhärent. Der sinnstiftende Zusammenhang zu Krieg wird jedoch erst  in der Kombination mit den Soundeffekten (Rotoren, MG-Feuer, Granatexplosionen) geschaffen.

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