Archiv für die Kategorie „Allgemeines“
AVATAR – langweiliger kann Kino kaum sein
Teddy Adorno hatte Zeit seines Lebens Angst, ein Kinobesuch könnte seinem Verstand schwerwiegende Schäden zufügen. Beim Besuch eines 3D-Blockbuster-Events wie zur Zeit AVATAR eines darstellt, wird diese Vermutung mehr als bestätigt. Doch ist der Adornosche Spleen auf den Hauptfilm bezogen zunächst indiskutabel. Denn zuerst sind 45 Min. schlimmster Werbefilmfolter für vollkommen überflüssige, meist zuckerhaltige Produkte (und der Schweiz), die es natürlich für den Gegenwert eines halben Wocheneinkaufs im Kino käuflich zu erwerben gibt (außer der Schweiz), zu überstehen. Selbst die YouTube-Trailer zum ‘Event’ AVATAR waren zumeist schon mit Werbung voll gestopft, erste Vorboten einer nicht enden wollenden Vermarktungskette. Hat man dann noch die in ihrer Machart grottig bis unterirdischen Lokalwerbespots, die noch nicht mal als Trashkurzfilm gelesen irgend einen Unterhaltungsmehrwert bieten könnten, hinter sich gebracht, ist das Wahrnehmungsvermögen schon derart intensiv benebelt, geprügelt und halb hingerichtet, dass das abschließende intellektuelle Massaker in Form des Hauptfilms endlich beginnen kann. Aber zu früh gefreut, der Knall bleibt aus, es ist ein quälend langsamer Tod.
Wenn ich hier wenig veröffentliche…
… veröffentliche ich wo anders um so mehr. Ein Wegweiser in eigener Sache.
- Auf VISUALBlog gibt es jetzt eine wöchentliche Filmempfehlung von mir. Maßgeblich geht es dort um Filme, die sich besonders durch ihren visuell-ästhetischen Gehalt auszeichnen. Also keine große Kritik oder tiefsinnige Rumphilosophiererei, sondern einfach nur Augenfreude.
- Gerade fertig geworden ist ebenfalls auf VISUALBlog mein erster Leitartikel, der 10 meiner favorisierten Moviesites bespricht.
- Für alles was absurd, apart, trashig oder völliger Quatsch aus dem Multiversum der Film- und Fernsehindustrie ist, gibt es die GHOSTOFTHEMOVIE-Fanpage auf Facebook. Jetzt neu mit zwei Kuriositätenserien: Kleines Absurditätenkabinett der Film- und Fernsehkunst und Nachrichten, die eigentlich ein Trashfilm sind.
Alle Trashfans und solche, die es noch werden wollen (es ist nie zu spät, sich einen völlig gestörten Geschmack zuzulegen) sind also herzlich eingeladen, hier ihre Kommentare zu Phänomenen wie Mr. T und seine Werbespots, surfende Nazis, Sean Connery in pinken Hotpants oder tieffliegenden Eisbären abzugeben. Viel Spaß!
Jüdisches Museum
Nun habe ich es endlich mal in das Jüdische Museum in Berlin geschafft, und ich muss schon sagen, dies war eine sehr wertvolle Erfahrung. Seit langem beschäftige ich mich explizit mit Kunst in ihrem Zusammenhang mit Raum, aber auch generell mit der Fragestellung, was Raum bzw. Einräumung mit Erinnerung, Existenz und Kultur zu tun hat. Die von Daniel Libeskind entworfene Architektur nun besitzt eine vehement intellektuelle Dimension. Der Grundriss des Gebäudes, aus der Vogelperspektive gedeutet als aufgebrochener Davidstern, vermittelt einen symbolischen Gehalt der fundamentalen Ver- und Zerstörung, die vor allem das europäische Judentum durch die Schoah erlitten hat. Natürlich ist das Gebäude Begegnungsstätte und Mahnmal zugleich. Alles ist aus der Form geraten, die Gänge sind schief und abschüssig, schwere Eisentüren führen in kalte, leere und finstere Türme, die dem Besucher weit mehr als nur einen Schatten auf das Gemüt legen. Ein winziges Fenster spendet spärlich Licht, so hoch oben, das es einem nie zu erreichenden Hoffnungsschimmer gleicht. Von höher gelegenen Teilen des Museums aus blickt man in abgeschlossene Höfe, die in ihrer betonenen Ummantelung und klaustrophobischen Enge das Vorgefühl eines Gefängnishofes evozieren; wir sehen uns mit symbolischer Leere konfrontiert, wir sehen das, was einst zusammengerückt in ähnlichen Räumen fristete: Menschen, die auf ihre Ermordung warteten. Man fühlt sich unwohl, man erfährt die Geschichte als in Stein gehauenes Verbrechen an der Menschheit. Die Leerstellenkonzeption entfaltet hier ihre volle Wirkung: Siehe, diese Türme sind leer, hier klafft eine Wunde für die Ewigkeit, das, was Europa an jüdischer Kultur genommen wurde, wird nicht mehr wieder kehren. Ohnehin geht es maßgeblich um Sehen und Erfahren. Wir sehen aus einem kleinen Fenster in eine Schlucht hinab, deren Boden mit Metallscheiben schreiender Gesichter bedeckt ist, als Ausdruck namenlosen Entsetzens. Wir sehen durch Schießscharten ähnelnde Fenster bang auf die Welt außerhalb des Museums, bang in unsere eigene Zukunft. Und wir folgen Treppen, die uns ins Nichts oder genauer, vor eine Wand rennen lassen. Natürlich berühren sich hier Ideologie und Propaganda im Zeichen einer negativen Dialektik. Aber gerade das der intellektuellen Durchdringung entrückte Gefühl, das so dezidiert herauf beschworen wird, nicht durch Pathos, sondern durch ein höchstes Maß an Reduktion, die Unfassbarkeit des Verbrechens, dem man sich in Anbetracht der Einzelschicksale aufbereitet in vignettierten Vitrinen zwar bewusst zu machen versucht, dieser Versuch jedoch scheitern muss, sind es, worauf es eigentlich ankommt. Die Räume treten in Kommunikation zu den Besuchern, sie reden zu uns vom Unaussprechlichen.
Das Museum ist in Gänze von einem harten Kontrast geprägt. Im Eingangsbereich wird der fundamentale Schock des Genozids maßgeblich durch die zu diesem Zweck funktionalisierte Architektur vermittelt. Inhaltlich wird dieses Konzept mittels der Ausstellung einiger weniger Einzelschicksale getragen. Ein Teeservice, ein alter Koffer, ein paar Schriftstücke und dazugehörige Photographien ihrer vormaligen Besitzer, nur dürftig versehen mit einem rudimentären Lebenslauf, Momentaufnahmen von Einzelnen, bevor sie in das große Kollektiv der Vernichteten eingingen. Nach dem endlosen Aufstieg dann die eigentlichen Museumsräume. Hell und hoffnungsvoll, bunt und intermedial wird hier jüdische Geschichte dargestellt. Die Einzelschicksale hat der Besucher hinter bzw. unter sich gelassen und betritt nun den Gang durch die Jahrtausende alte jüdische Geschichte, stringent und chronologisch aufbereitet. Die auf Opfer- und Individualhistorie verengte Perspektive wird vom großen historischen Überblick abgelöst, ein krasser Paradigmenwechsel. Viele der dortigen Installationen basieren auf Interaktion und symbolischer Partizipation an einer besseren Zukunft – für alle Menschen. Hier stößt man auch auf Exponate, die vollkommen absurd wirken und deren Ausstellung den oft zitierten jüdischen Humor preisgeben; wie zum Beispiel eine Vitrine voller neumodischer Kippot, vornehmlich der religiösen Ausübung vorbehaltene Kopfbedeckungen, die verziert sind mit Comicbildern von Superman, Batman und Charakteren der US-Amerikanischen Serie Friends. Wann immer ich das Hereinbrechen popkultureller Ikonographie in religiöse Formalismen beobachten darf, verwirrt es mich, nicht intellektuell, sondern ästhetisch oder geschmacklich – das ist wie Wackelpudding mit Senf essen. Aber der jüdische Humor ist nicht umsonst einer der großartigsten der Welt, und als ebenso großer Bewunderer von Mel Brooks und Filmen wie Zug des Lebens nehme ich dies hier vor allem schmunzelnd wahr und freue mich umso mehr über ein weiteres skurriles Exponat, ein japanisches Dildokästchen. Doch auch beim Gang durch die in warmes, freundliches Licht getauchten Räume erinnert der Blick durch enge Fenster in die erwähnten Höfe fortwährend an erlittenes Grauen. Auch die Außenfassade mit dem tristen, stumpfen Grau ihrer blechernen Verkleidung und den schmalen Fensterschlitzen deutet auf den irreparablen Schaden hin; so scheint es von weiter weg, als klaffen zahlreichen Wunden aus dem Gebäude selbst, als sei es schartig und zerrissen. Zum Ende der Ausstellung hin begegnet man noch einigen wenigen Exponaten, die kurz und knapp noch einmal die Auswirkungen des Holocaust anhand der Bilder verstümmelter Leichen wach rufen. So könnte man deuten, dass dieser trotz allem nur ein weiterer
Ausschnitt innerhalb der Geschichte eines Volkes ist, das hier vorranging durch die Weglassung weiterer Zeitzeugnisse seinen Stolz betont.
Allgemein stellt das Museumskonzept den Genozid nicht der jüdischen Geschichte und Kultur gegenüber, es integriert ihn, macht diesen in jedem Moment sichtbar, mal unterschwellig, mal dezidiert, und deutet noch im Eingangsbereich, diesmal eher unfreiwillig, über sich selbst auf die aktuellen Ereignisse hinaus. Angefangen von den mit Maschinengewehren bewaffneten Beamten, über die Flughafendurchleuchtung des am Körper getragenen Habs und Guts bis hin zu der Einzelabtastung mit dem Metalldetektor war ich noch in keinem Museum, in dem eine solche Angst vor Anschlägen herrscht. Besucht dieses Museum, es ist ein Garant für vermischte Empfindungen, Skurrilität und Nachdenklichkeit.
siehe auch



































