Bilder Träume

Oder: Wenn ein Jacket und eine Plastikflasche die Kunst gefährden.

nationalgalerie

Am Wochenende besuchte ich die Ausstellung Bilder Träume in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Vorab, die ausgestellten Exponate sind großartig, berührend, mitreißend, absolut sehenswert. Doch immer wenn ich ein Museum besuche, fühle ich mich irgendwie unwohl. Und das liegt meist an dem misstrauischen Klima, das in einem herkömmlichen (deutschen) Museum vorherrscht: es geht zu wie in einem Hochsicherheitstrakt. Man steht unter andauernder Beobachtung der Wärter. Ich schlenderte die Bilder entlang, da kam schon die erste Aufseherin und forderte mich auf, natürlich als Bitte formuliert, mein Jacket entweder um den Bauch zu binden oder selbiges wieder anzuziehen. Ich hatte nämlich einen nahezu unzumutbaren Fehler begangen: Das Jacket baumelte mir lässig über dem Arm. Nicht wissend, dass diese Geste ein immenses Gefahrenpotential für die dort versammelte Kunst darstellte, fragte ich naiv: Warum? Die Erklärung wurde mir prompt serviert. Ich könne nämlich entweder mit dem nachlässig hängenden Stoff die Bilder im Vorbeigehen beschädigen oder aber, und man muss gestehen, dass die nun folgende Ausführung sehr viel sinnvoller ist, ich könne eine die Bilder schädigende Substanz darunter verbergen, wie zum Beispiel Säure. Säure?!?Ja, Säure! Einleuchtend, wie konnte ich darauf nicht von selbst kommen. Die Gefahrenquelle aus dem Weg geräumt setzte ich meinen Weg fort. Einige Räume und ein Dutzend Aufseher später ließ ich mich kurz auf eine Sitzgelegenheit nieder und nahm einen Schluck Wasser aus einer mitgeführten Flasche. Dies rief erneut einen der Wärter auf den Plan. Das geht ja gar nicht, also da kriegen Sie wirklich Ärger, schallte mir die Stimme des sich in all seiner drohenden Würde nun vor mir aufbauenden Mannes entgegen. Wiederum fragte ich, was ich denn diesmal angestellt habe, immer noch naiv, doch schon im Wissen, dass ich die Exponate höchstwahrscheinlich erneut einer unverzeihlichen Gefahr ausgesetzt haben musste. Sie müssen die Flasche sofort an der Garderobe abgeben, denn es ist strengstens verboten, Flüssigkeiten mit in die Ausstellung zu bringen! Blitzschnell wurde mir klar, dass sich in der Trinkflasche natürlich Säure befinden konnte, so dass ich die Flasche einfach in einem Zug leerte, den Wärter angrinste und entgegnete, dass die Flasche ja nun leer sei, und ich jetzt wohl nicht mehr zurück zur Garderobe müsse. Da könne man nochmal ein Auge zudrücken – Ich konnte gar nicht gespielt genug zum Ausdruck bringen, wie sehr es mir Leid tat, dass ich es gewagt hatte, eine Plastikflasche stillen Wassers auf meinem Weg durch die schlecht belüfteten, die Kehle innerhalb weniger Minuten austrocknenden Hallen mit mir zu führen und dankte ehrerbietig der großen Kulanz des Wärters. Beim Weitergehen hörte ich ihn noch zum Herrscher des nächsten Raumes sagen: Der da hat eine leere Flasche bei sich, aber ich habe ihm die Erlaubnis erteilt, diese weiter mit sich zu führen. Nach diesem Erlebnis bewundere ich Banksy einmal mehr für seine tollkühnen Aktionen und denke darüber nach, was wohl passiert wäre, hätte das Personal mein Feuerzeug und mein Taschenmesser entdeckt.


YouTube Direkt

FriendFeedTwitterBibSonomyShare

3 Kommentare zu „Bilder Träume“

  • Qatifa sagt:

    Tja, der Generalverdacht weitet sich aus.
    Und ich dachte, das wäre nur in unterschichtenbesuchten Gefilden wie dem lokalen “Ich-bin-doch-nicht-blöd” Markt so, dass die betont unfreundlichen Sicherheitsbeamten niemanden mit seiner Handtasche hereinlassen.

    Auf der anderen Seite wird man auch angemault, wenn man die Sicherheit steigern möchte, in dem man die persönlichen Kundendaten dem Zugriff der vorbeigehenden Käufer durch sperren der PCs entzieht.

    Ich hasse dieses Land.

  • tm sagt:

    Ob Joghurt oder Picasso, ob Rembrandt oder Tütensuppe, für die Welt als Ware kann es gar nicht genug Uniformierte geben…

    Ich liebe dieses Land, es beschützt mich (vor mir selbst), es füttert mich (mit Identifikation) und unterhält mich (rund um die Uhr).

    Drum lasset uns beten:

    http://www.youtube.com/watch?v=5k5LbtS4SXM

Kommentieren

Bibliogr. Datenbank
Titelsuche in Ihrer Nähe:
WorldCat.org >>
Social Media
Guckkasten
Aktion
powered by
fiid.de Overblog Suche Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de