Slice of Life

Dexter4

Dexters Boot heißt Slice of Life. Und das hat seine ganz eigene Logik. Denn Dexter bewahrt von jedem seiner Opfer einen Tropfen Blut zwischen zwei Mikroskopglasscheiben auf. Das ist seine Sammlung der Lebensscheiben, die er gut versteckt hinter dem Lüfter der häuslichen Klimaanlage ab un an bewundert – und zu bewundern gibt es einiges, da seine Sammlung recht üppig ist. Jede Scheibe ein Leben. Eine selten schöne Marotte für einen Serienmörder aus Berufung, dessen Beruf Forensiker mit der Spezialisierung auf Blut ist. Dexter ist ein penibelst ordentlicher Mensch, sauber, pünktlich, niemals aufmüpfig oder Anstoß erregend. Und er lebt in Miami. Ein besseres Setting hätte man für die Geschichte eines Forensiker-Dexter2Massenmörders, der bei der Polizei arbeitet und sehr kinderlieb ist, wohl nicht wählen können. Die äußere Welt, in der Dexter lebt und arbeitet, jedoch nicht liebt, dazu ist er nämlich nicht fähig, wie er unfähig zu beinahe jeder Gefühlsregung ist, ist eine plastische, grelle, saubere Lifestyle-Welt, die den extremsten Kontrast zu Dexters dunkler Innenwelt und das durch ihn in die Welt getragene Grauen darstellt. Dieser enorme Gegensatz lässt die Serie streckenweise oberflächlich wirken, stumpf und taub wie eine der herkömlichen sonnig-sauberen Familienserien der Vereinigten Staaten. Doch mittendrin bestraft Dexter all die Kindermörder, Gewohnheitsverbrecher, Frauenschänder und Gewalttäter, die durch die Netze der Justiz schlüpfen, konfrontiert diese mit ihren Greueltaten kurz bevor er ihnen, in Zellufan eingewickelt und fixiert, ein Messer in die Brust rammt oder den Schädel aufbohrt – das ist so, als wohnte im Haus der Familie Camden Hannibal Lecter. Dexter mordet übrigens nicht aus einem enormen Gerechtigkeitssinn heraus, sondern einfach, weil er sich dazu gezwungen fühlt, denn er ist psychisch krank. Dass er in Selbstjustiz nur Mörder richtet, teilweise verurteilt, teilweise noch nicht enttarnt, ist der Erziehung durch seinen (Stief)Vater Harry geschuldet und dem sich auf ihn berufenden Leitfaden für Dexter’s Leben: Harry’s Code.


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An dieser Serie, die mal nicht aus dem Hause HBO stammt, gibt es noch so einiges Bemerkenswertes. Ich möchte nun nach der etwas längeren Vorrede einen Aspekt herausgreifen, der mir besonders gefällt: Die Aufladung bzw. Doppeldeutigkeit der Bilder. Wie ich eingangs schrieb, Dexter’s Boot heißt Slice of Life. Für jeden anderen als den Zuschauer würde dieser Name auf das Stück Freiheit hinweisen, dass der Bootsbesitzer auf seinen Ausfahrten genießt, eben ein Scheibchen Leben, eine Portion Glück. Dexter entsorgt mit seinem Boot nun die zerstückelten Leichen, deren Blutstropfen er zu Hause aufbewahrt. Für jeden Beobachter innerhalb der Serie hat der Bootsname erstere Konnotation, während dem Zuschauer, dem Dexter’s Innenleben ja bekannt ist, nicht umherkommt zu schmunzeln, wenn er den Bootsnamen bemerkt; der Zuschauer in seiner Rolle als Komplize. Er kann aufgrund seiner Komplizenschaft den Code, die versteckte Botschaft, lesen, während allen Übrigen diese Weihe versagt bleibt. Wir sind Dexters beste und auch einzige Freunde. Noch eindrücklicher ist Dexter’s morning routine, die den Vorspann zu jeder Folge bildet – bis auf die Erste. Das hat einen ziemlich einfachen Grund. Sähen wir den Vorspann bevor wir wüßten das Dexter ein Serienkiller ist, würde er uns einfach nicht viel zu sagen haben. Wir würden einem fremden Menschen dabei zuschauen, wie er aufsteht, eine lästige Mücke erschlägt, sich rasiert, das Frühstüch bereitet, isst und sich ankleidet. Danach verlässt er das Haus und geht irgendwohin. Alles in Close Up’s gefilmt, in einem Schnittmuster, in dem die Abläufe mittels Jumpcuts teils verschnellert, teils dezidiert langsam durch Zeitlupen visualisiert werden. Und das war es dann auch. Haben wir die erste vorspannlose Folge allerdings gesehen, ist die stinknormale allmorgendliche Prozedur, die von Millionen Amerikanern (und nicht nur solchen) genau so gelebt wird, völlig anders aufgeladen. Jede einzelne Handlung, jedes Bild der Normalität ist nun mit der bereits ausgeübten Gewalt des Serienkillers aufgeladen. Das Erschlagen der Fliege Mücke, die einen winzigen Tropfen Blutes hinterlässt, steht fortan symbolisch für den Mord an einem Menschen, das Aufschneiden der Orange in Superzeitlupe, wie das Fruchtfleich unter dem Reißen des Messers aufbricht und der Saft herausspritzt, gleicht dem Dexter3Schnitt durch das Fleich eines Opfers. Das Spannen der Zahnseide zwischen Dexter’s Fingern erinnert an das Strangulieren eines Opfers, genau so wie die zusammen gezogenen Schubänder. Die Spuren auf dem Frühstücksteller ähneln den Blutspritzern an den Wänden der Opfer, die Dexter beruflich untersucht und das langsame Anziehen des T-Shirts, mit dem kurzen Verweilen auf dem verhüllten Gesicht, ähnelt dem Moment, in dem Dexter seine Opfer in Zellufan einwickelt, um sie zu morden. Obwohl man auch eingrenzen muss. Die unübliche Visualisierung allein durch Close Up’s und der massive Einsatz von Jump-Cuts im Wechsel mit Zeitlupenaufnahmen verstört den Zuschauer schon vorab, evoziert einen gewissen Ekel, und der Fokus auf Blut lässt zumindest eine Handlung im medizinischen Bereich vorausahnen. Was mir persönlich am Besten gefällt, ist eine sich hier öffnende Metaebene: Die Alltäglichkeit und Normalität der Gewalt, die den Bildern mittels der Montage von vornherein inhärent ist – besonders in der Zubereitung des Frühstücks. Wir zerschneiden das Fleich, zerstören den Dotter, pressen dem Obst seinen Lebenssaft heraus und lassen den Körper achtlos liegen, um ihn später zu entsorgen. All das spürt man schon vor dem Wissen um den Serieninhalt. Nach der ersten Folge jedoch hat sich die Wirkung der Bilder um ein Höchstmaß intensiviert. Der Vorspann visualisiert hier im Subtext eben diesen menschlichen Alltag, der voller gewalttätiger Handlungen ist und eröffnet in einer simplen Bestandsaufnahme die Frage nach dem Bösen, nach Moralvostellungen und Normalität im Allgemeinen und weist über sich selbst auf die Serie im Speziellen zurück, in der die alltägliche Gewalt unter dem flimmernden, plastischen und touristenfreundlichen Gewand Miami’s verhandelt wird. Am Anfang der letzten Folge der zweiten Staffel sehen wir die morgendliche Routine dann in der Serie selbst noch einmal, versetzt mit ein paar alternativen Szenen, diesmal mit einer zusätzlichen Aufladung an Freiheit. Dexter ist nicht erwischt worden, konnte alle seine Gegenspieler bezwingen und während er sich das Frühstück bereitet, hören wir aus dem Off seine Stimme, die innere Stimme die uns Zeit der Serie begleitet: “This is so much better than prison.” Dexter’s Freiheit, das ist die mörderische Freiheit, die dextersche Alltäglichkeit der Gewalt.

In der letzten Szene sehen wir Dexter eine neue Holzschatulle entpacken. Sie ist noch leer und wartet auf Füllung. Und Dexter lässt den Zuschauer nicht einen Moment darüber im Zweifel, dass er sie füllen wird. Das Frühstück des Mörders, die mourning routine in vollem Genuss, das Hacken, Schneiden, Reißen und Platzen mit der Freude am Lebendigsein, eine Vitalität, die für Andere den Tod bedeutet, kündigt auf der Bildeben an, was auf der Textebene manifest wird. Seine letzten Worte, während er das frische Behältnis künftiger (Mord-)Trophäen in sein altes Versteck stellt, sind an uns, an die Zuschauer gerichtet: “Am I evil, am I good? I’m don’t asking those questions. Don’t have the answers. Does anyone?” Ehrlich, vorurteilsfrei und wertneutral deuten diese vier kurzen Sätze auf eine der gewichtigsten theologischen und philosophischen Fragen der Menschheitsgeschichte. Gestellt von einem Massenmörder, dem wir nun über 2 Staffeln à 12 Folgen zu 60 Minuten beim Morden zuschauten, mit dem wir gefiebert, gebangt und gehofft haben, dass die Guten ihn nicht erwischen, an dem wir keinen Moment gezweifelt haben, dass er der perfekte Mann für Rita und gleichsam Ersatzvater für ihre Kinder ist und den wir auch, zumindest ein wenig, um seine Rationalität, seinen Pragmatismus, seine Ruhe und den Leitsatz “Don’t get caught”, Harrys Code, den kategorische Imperativ seines (Über)Lebens beneiden – und dessen einzige Freunde wir sind.

dexter

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2 Kommentare zu „Slice of Life“

  • Henning sagt:

    Hey Timo,

    schöner Artikel, anscheinend sehr schöne Serie aber die Fliege ist ne Mücke!

    Penible Grüße

    Henning

  • tm sagt:

    Sie sterben wie die Fliegen. Da ist wohl was durcheinander gegangen – Vielen Dank! Habe aber auch an dich gedacht, wäre definitiv eine Serie, an der du Gefallen finden würdest.

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