Werbung, Gewalt und Subtext
Zunächst gilt es festzustellen, dass beide Werbeclips in der Machart vollkommen unterschiedlich sind. Der erste ist eine Computeranimation, besteht aus nur einer einzigen Plansequenz und wird in der Ich-Perspektive visualisiert. Der Zweite hat eine sehr hohe Schnittfolge, unterschiedliche Einstellungen (obwohl die Groß- bzw. Detailaufnahmen dominieren), wechselt stetig zwischen Zeitraffer und Zeitlupe und ist größtenteils in Realfilm gedreht. Doch besitzen beide ein übereinstimmendes, primäres Element: Die Werbebotschaft wird mittels eines Kriegssujets kommuniziert. Und das ist relativ außergewönlich, wenn man sich die beworbenen Produkte einmal genauer anschaut. Im ersten Fall wird die international tätige Sprachschule inlingua beworben, im zweiten ein Antiallergikum. Interessant ist auch die ästhetische Umsetzung. Der inlingua-Spot bedient sich der klassischen Ego-Shooter-Ästhetik, in ihrer vorliegenden Ausprägung an eine Mission aus dem Genre der WWII-Shooter (Omaha Beach) erinnernd, während der Benadryl-Spot eher an ein Vietnamfilmsetting erinnert. Während erster Spot äußerst kohärent in der Visualisierung der Botschaft verfährt, da alle Objekte aus Buchstaben bestehen, ist der zweite maßgeblich durch Dekontextualisierung geprägt, der eine gewalttätig-kriegerische Assoziation einzig auf der tonalen Ebene etabliert. Natürlich ist der reinen Visualisierung mittels der Großaufnahmen von aufplatzenden, explodierenden oder ins Bild hereinbrechenden Sporen und Samen an sich schon eine gewisse Gewalt inhärent. Der sinnstiftende Zusammenhang zu Krieg wird jedoch erst in der Kombination mit den Soundeffekten (Rotoren, MG-Feuer, Granatexplosionen) geschaffen.
Nun ist bei beiden Produkten bzw. Dienstleistungen der Zusammenhang zu kriegerischen Konflikten augenscheinlich nicht unbedingt gegeben. Dieser ist wesentlich subtiler und, worauf ich später noch eingehen werde, weitaus tiefgründiger, wie vielleicht zunächst anzunehmen ist. Die Erlernung von Sprache und Überwindung sog. Sprachbarrieren als einzelkämpferischen Hindernislauf darzustellen, halte ich schon für eine sehr gelungenes Konzept. Außerdem geht es hier um ein konkretes Ziel, nämlich der Überwindung von Sprachbarrieren zur möglichen Partizipation am globalisierten Markt. Die vorliegende Bearbeitung des Themas in ihrer Gewandung als Werbespot eröffnet zwei Deutungsmöglichkeiten, die auf einer Metaebene durchaus mitschwingen, aber nicht unbedingt von der Agentur so intendiert wurden. Erstens könnte man schlußfolgern, dass hier Sprache nicht nur als Barriere (was so auch nicht unbedingt stimmt), sondern auf die Gewalt innerhalb der Sprache hingewiesen wird. Und zweites könnte man in kritischer Lesart durchaus eine Ebene der Subversion ausmachen, insofern, dass der Spot den globalisierten Markt grundsätzlich als eine kriegerisch-gewalttätige Auseinandersetzung kommuniziert [1]. Ob sich nun Assoziationen mit der Barbarisierung der Sprache im Dritten Reich, auf die Viktor Klemperer immer wieder hingewiesen hat, den Theorien der Gruppe 47 in Deutschland oder der Kompromittierung der Sprache durch den Kapitalismus im Betrachter wecken lassen, ist zwar nicht zwingend gegeben aber durchaus möglich. Auch die hier mitschwingende Kapitalismuskritik erschließt sich nur durch bewusst negativ dialektische Lesart, da man davon ausgehen kann, dass die beauftragte Agentur nicht an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt. Im zweiten Spot sind solcherlei kritisch zu lesende Subtexte nicht gegeben. Hier setzt die verantwortliche Agentur eher auf die sich aus der Dekontextualisierung ergebende Schockwirkung, in dem sie den natürlichen Zyklus der Flora und Fauna als einen dem an Allergie leidenden Menschen Gewalt antuenden Akt darstellt und diese als Agressor in drastischer Übersteigerung visualisiert. Hier handelt es sich also um eine fokussierte Zuspitzung unter Verwendung eines einfachen Opfer-Täter-Modells (Natur=Täter, Allergiker=Opfer, Aussage: Die Natur greift dich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln an, das Produkt schützt dich). Spannend finde ich die eingangs erwähnte visuelle Machart beider Spots, die auf kulturell lesbare Codes zurückgreift. Das heißt, die Ego-Shooter- und die Kriegsfilmästhetik sind mittlerweile im kultuerellen Gedächtnis so tief verankert, sprich tradiert, dass deren Verwendung in der Werbung durchaus statthaft ist. Ich hebe das so hervor, weil es nicht um die Konflikte WWII oder Vietnam geht, sondern um die Ästhetik selbst, die, rein medial vermittelt, sich als Code etabliert hat und auf die künstlerisch-ästhetische Bearbeitung (maßgeblich Film) rekuriert [2]. Und genau das ist die Ebene, der es in Hinblick auf eine ideologische Auseinandersetzung mit Medieninhalten nachzugehen gilt, was an dieser Stelle jedoch alle Grenzen sprengen würde (um in der kriegerischen Terminologie zu bleiben).
Es folgt noch ein weiterer Werbespot, diesmal für Bontrust, einem Unternehmen für Vermögensberatung. Der Spot stammt von der gleichen Agentur wie der inlingua-Spot und zeichnet sich wiederum durch äußerste Khörenz im Design aus.
Die ganze Welt besteht hier aus Banknoten, die Handlungsträger sind ‘menschliche’ Währungen, die untereinander kopulieren, um Vermögensvorteile durch Vermehrung zu schaffen. Hervorzuheben wäre die dezidierte, sexuelle Darstelllung (besonders der zu Beginn des Liebesspiels visualisierte blowjob hat mich doch überrascht). Auch hier ist dem Spot eine kritische Lesart inhärent. Es geht einmal mehr um den globalisierten Markt, um Währungsaustausch und Akkumulation. Doch wird das Prinzip der ‘Treue’ ganz klar suspendiert. Die erste Vermehrung nach der Kopulation trägt bereits ihre jungen Früchte, hier symbolisiert durch die Babys im Kinderwagen, die durch den Park spaziert werden. Doch schon taucht eine neue, starke Währung auf und der Prozeß beginnt von Neuem (symbolisch angedeutet durch das Fallenlassen des Geldscheintuches). Obwohl die ‘junge Mutter’ gerade mit der Fürsorge ihrer ‘Neugeborenen’ beschäftigt ist, zögert sie nicht, sich dem nächstbesten Dahergelaufenen an den Hals zu schmeißen, der eine hohe Rendite verspricht. So wird der Finanzakt oder die Währung hier als morallose Hure dargestellt, der es nicht um Treue, sondern um den schnellst- und größtmöglichen Gewinn geht. Ich halte diesen amoralischen Gestus für sehr konsequent, und, wie schon gesagt, als kritisch deutbar. Besonders wenn man sich mal den Gewinnerbeitrag für Amnesty International zum reddot design award 2008 anschaut, kann man der Agentur durchaus ein kritisches Bewußtsein konstatieren. Ob bewusst oder nicht, die beiden Werbespots öffnen Türen zu verschiedenen Deutungsebenen, bieten also Denkanstöße. Und das geschieht in einem äußerst cleveren Moment, da die Werber das beworbene Produkt oder die beworbene Dienstleistung selbst nicht in Frage stellen. In Frage gestellt wird jedoch der Raum, in dem das jeweilige Unternehmen präsentiert wird. Ein solcher Paradigmenwechsel, vom geordneten, moralisch integeren Raum einer heilen Welt, zu einem gewalttätig unmoralischen, visualisiert in einem vielschichtigen, gedankenanregenden Werbeformat, würde ich mir öfters wünschen. Über Werbung als einen generellen Akt der Gewalt auf den Rezepienten sinnieren wir dann ein anderes Mal…
[1] Dann könnte man aber im Umkehrschluss der Werbebotschaft auch argumentieren, dass diese Situation nur solange vorherrschend ist, wie das (fremd-)sprachliche Unvermögen gegeben ist, und, sobald dieses Hindernis mit Hilfe des Dienstleisters überwunden wurde, sich der kriegerische in einen friedlichen Raum der international übergreifenden Verständigung wandelt, wie es in der Dramaturgie des Werbespots schließlich auch exponiert wird.
[2] Jay Martin bemerkt in seinem Artikel über die Spots (durch diesen komme ich überhaupt auf das Thema) auf Werbeblogger, dass “die ganze Kampagne sich explizit an ein jüngeres Publikum wendet, dem diese Bildsprache vertraut ist”. Dies bezeichnet auch eine interessante mediale Verwertungskette hinsichtlich der Zielgruppen: Historisches Ereignis – Dokumentarfilm – Spielfilm – Serie – Computerspiel – Werbefilm. Es drängt sich hier auch einmal mehr Neil Postman’s These (allerdings auf alle Medien ausgedehnt) auf, dass jedes Thema als Unterhaltung präsentiert wird.







Exzellenter Eintrag, den ich ohne Pingback wahrscheinlich nie gesehen hätte! Ein Blog mehr in meinem Feedreader … freue mich auf mehr!
BTW ich las Du hast interdisziplinär über Gewalt im Film diplomiert/magistriert, ist denn Deine Arbeit irgendwo online verfügbar? Ich selbst bin gerade in den allerletzten Verfahrenszügen meiner Diss über Gewalt in der amerikanischen Literatur und Literaturkritik der Postmoderne.
Gruß,
J.
Vielen Dank für das große Lob! Das gibt mir zusätzlichen Antrieb. Meine Magisterarbeit habe ich bis jetzt noch zurück gehalten, da ich in den nächsten zwei Jahren eine Veröffentlichung zu dem Thema in einem größeren Rahmen anstrebe und noch immer über eine Promotion nachdenke. Interdisziplinär meint in diesem Zusammenhang die Ausweitung eines philosophischen Axioms auf mediale (filmische) Gewaltästhetik unter Einbezug theoretischer Werke aus ganz verschiedenen Disziplinen (Anthropologie, Psychologie, Literatur, Soziologie, Medientheorie). Besonderen Wert lege ich hier auf Legitimationsstrukturen der dargestellten Gewalt im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Mythologie. Da sich aus dieser Kombination eine bis dato noch nicht aufgegriffene These bzw. neue Perspektive ableiten lässt, kannst du sicherlich nachvollziehen, warum ich meine bisherigen Ergebnisse zwecks einer späteren Veröffentlichung noch nicht zugänglich gemacht habe. Mir fällt aber spontan ein Werk ein, das sich mit deiner Thematik beschäftigt: Martin Büsser. Lustmord-Mordlust. Das Sexualverbrechen als ästhetisches Sujet im 20. Jahrhundert. Mainz 2000. Außerdem ist in Köln Mitte Juli ein Symposium zu Ästhetik und Gewalt, was ich mir anhören werde. Es sind auch Vorträge zur amerikanischen Literatur angekündigt. Wenn du magst, lasse ich dir gerne Notizen zu den Vorträgen zukommen.
Liebe Grüße,
tm
Ah. Gewalt im Umfeld von Ideologie und Mythologie spielen auch in meiner Arbeit eine prominente Rolle. Dein „philosophisches Axiom“ setzt nicht zufällig auf Poststrukturalismus auf?
Liebe Grüße,
^_^J.
Fast. Genau genommen setze ich auf Elias Canettis theoretischem Werk auf, namentlich “Masse und Macht”. Natürlich spielen Barthes, Derrida und Foucault auch eine Rolle. Was mich an Gewalt bzw. Gewaltdarstellung in erster Linie immer besonders interessiert hat, ist ein ganz simples Warum? Warum wird so viel Gewalt dargestellt und warum ist es der Verkaufschlager schlechthin? Warum gehen wir gemeinsam ins Kino, um irgendeine Actionikone zu bewundern, die im Durchschnitt 20 bis 30 legitimierte Morde pro Film begeht, die wir dann selbstzufrieden Held taufen, und stoßen danach auf einen gelungenen Abend an? Sitzen vor dem heimischen Fersehgerät und halten es für normal, wenn die 20:00 Nachrichten uns die apokalyptischen Highlights aus aller Welt darbieten? Und besonders, was wird uns da all abendlich im Subtext mitgeliefert? Hört sich zunächst sehr moralisch an, soll es aber gar nicht. Zumindest habe ich diese Fragen noch nicht für hinreichend aufgearbeitet befunden. Aber ich habe Lust deine Diss. zu lesen – wann ist es denn soweit?
Liebe Grüße,
Timo
ps. Sag, wenn dich meine Lit.empfehlungen nerven, aber ein Buch was mir extrem weitergeholfen hat, ist dieses hier:
Josef Früchtl. Das unverschämte Ich. Eine Heldengeschichte der Moderne. Frankfurt am Main 2004.
Sehr bald
Ich gebe Laut, sobald sie online verfügbar ist.
LiGr,
^_^J.
*laut*!
Okay aus dem „sobald“ im Juni wurde Dezember, aber in der Zwischenzeit habe ich Disputation, Publikation, Fakultätsfeier und meinen neuen Webauftritt abgefeiert.
Online verfügbar ist die Arbeit nun seit vergangenem Wochenende, und zwar hier:
http://betweendrafts.com/drafts/academic/2/
LiGr,
^_^J.
Sehr geil, herzlichsten Glückwunsch!!!
Und vielen Dank für den Link (große Freude, dass du dich erinnertest), hoffentlich habe ich bald Zeit und Muße die Arbeit zu lesen!
Liebe Grüße,
Timo
Ich bin bekannt für mein langes Gedächtnis