The Reel-Basterds

Inglorious Bastards_1

We will be cruel to the Germans,
and trough our cruelty, they will
know who we are. They will find the
evidence of our cruelty, in the
disembowed, dismembered, and
disfigured bodies of their brothers
we leave behind us. And the German
will not be able to help themselves
from imagining the cruelty their
brothers endured at our hands, and
our boot heels, and the edge of our
knives.

(Lieutenant Aldo, a hillbilly from the mountains of Tennessee)

Geoff Andrew kommt in seinem Werk über die Regisseure des amerikanischen Indipendent-Kinos am Ende seiner Besprechung von Jackie Brown zu dem Schluss, dass dieser  “zwar in jeder Hinsicht ein Genrefilm ist, aber disziplinierter und entschlossener als Pulp Fiction, ansprechender und feiner differenziert bezüglich der Charakterisierung als Reservoir Dogs, sowie auffallend weniger abhängig von Filmpersiflagen und einfühlsamer gegenüber den emotionalen Wirklichkeiten des täglichen Lebens als irgendeines seiner [Tarantinos] bisherigen Werke” [1]. Außerdem stellt er dem Regisseur in Aussicht, wenn dieser “die extravagante Seite seiner künstlerischen Persönlichkeit zu zügeln” lernt, er „das Zeug zu einem Filmemacher vom Schlage solcher Genrespezialisten wie Hawks, Peckinpah, Michael Mann oder sogar Jean-Pierre Melville haben könnte”. Eingedenk dieser Zeilen lässt es einen Schmunzeln, wenn man bedenkt, wie Tarantino sein filmisches Werk anschließend weiterentwickelte. Nach Jacky Brown drehte Tarantino seine zweiteilige Easternhommage Kill Bill sowie den Exploitationstreifen Death Proof und legte damit seine Vorstellung von Kino ganz klar offen: Nicht um eine differenzierte Darstellung tiefer persönlicher Entwicklungen im Stile des visualisierten Bildungsromans ist es Tarantino bestellt, sondern um die höchst mögliche Dichte an Referentialität und, mittels dieser, Selbstreferentialität auf die Popkultur im Allgemeinen und auf das (post)moderne Kinoerlebnis im Speziellen. Eben das ist auch seine ganz große Stärke, sein persönlicher Stil – Rekombination und Dekontextualisierung im referentiellen Schema, visualisiert durch eine grandiose Ästhetik. Oder einfacher, Tarantino macht Filme über Filme. Und seine Lieblingsreferenzen sind die Subgenres und Exploitationfilme der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, pulp eben. Der Künstler, der als reiner Autodidakt gilt und seine Regielehre während der Arbeit in einer Videothek durch das massive sehen und wiedersehen von Filmen absolvierte (wenn er bei den Dreharbeiten eine Großaufnahme von dem Gesicht eines Schauspielers fordert, soll er sagen “Mach mir einen Leone von…” – eine wunderbare Anekdote und Teil des Tarantinoischen Personenkultes) legt nun seinen neuen Film Inglourious Basterds vor, der Ende August anlaufen soll. An dem bisher einzusehenden Material lässt sich der referentielle Gestus seines neuen Werks schon deutlich ablesen. Nicht nur stand der 1978 vom italienischen Regisseur Enzo Castellari gedrehte Inglorious Bastards für Tarantinos ‘Kriegsfilm’ Pate, er teilt sich bis auf die Ersetzung des a durch ein e und dem doppelten ou sogar den Titel mit jenem. Tarantino selbst erwehrt sich im Übrigen der Bezeichnung Kriegsfilm und wählte an Stelle dieser Genredefinition die Formulierung Spaghettiwestern im zweiten Weltkriegsgewand.


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Die Westernanspielungen finden sich bereits im Untertitel wieder: Once upon a time in nazi occupied France, als Ehrung an die beiden Meisterwerke von Sergio Leone (Once upon a time in the West und Once upon a time in America), der als ‘Vater’ des Italowestern gilt (obwohl vor seinem Westerndebut A Fistful of Dollars bereits über ein Dutzend italienische Western in den sechziger Jahren gedreht wurden). Leone arbeitete sich nicht nur an den amerikanischen Mythen und Klischees des ‘Wilden Westen’ immer wieder konsequent und dekonstruktivistisch ab, er lud auch ein bis dato noch sehr sauberes Genre mit dem nötigen Dreck, der Amoralität, der Gewalt und nicht zuletzt dem anarchischen Humor auf, das es, zumindest in den besseren Filmen, bis heute beibehalten hat. Ein großer Epiker und „ein unheilvoller Zerstörer, der epischen und mythopoetischen Möglichkeiten des Kinos [...] der der Sprache des Kinos Gewalt antat” [2]. Und wie sein großes Vorbild tut nun auch Tarantino der Sprache des Kinos, hier insbesondere den mythischen Konzeptionen des ernstzunehmenden historischen Aufarbeitungsfilm und den daraus resultierenden Klischeevorstellungen, Gewalt an. Während andere noch versuchen neue Heldenmythen zu kreieren, wie jüngst Bryan Singer mit Valkyrie, der maximal als unfreiwilliger, ziemlich langweiliger (das kommt aber auf die Lesart an) Exploitationstreifen gelten darf, entwirft Tarantino seine ganz eigene blutige Popvorstellung vom WWII und ändert zudem noch ohne mit der Wimper zu zucken den Lauf der Geschichte, wenn er Adolf Hitler im Maschinengewehrstakkato in seinem eigenen Blut zappeln lässt [3]. Dass dies bereits verraten werden darf, ist der Kopie des Drehbuchs, das schon seit einiger Zeit im Internet kursiert, geschuldet. Was im Übrigen weder dem Filmgenuß noch der Fanhysterie einen Dämpfer versetzt: im Gegenteil, es reiht sich in die Dynamik ein, die der Film im Zuge seiner eigenen Mythologisierung noch vor der hiesigen Veröffentlichung längst erfahren hat und immer noch erfährt.

Bilder von moviegod

You haven’t seen war until you’ve seen it trough the eyes of Quentin Tarintino! Und das Tarantinos Sicht wohl in einer extrem gewalttätigen, ins Drastische überzeichneten Darstellung münden wird, steht außer Frage. Darum ist auf der offiziellen Website auch der lakonische Verweis THIS FILM IS NOT YET RATED zu finden. Die Filmplakate, die meist ein blutverschmiertes Tötungswerkzeug (Baseballschläger, Gewehrkolben, Messer) zeigen und die kurze Promosequenz geben bereits zu erkennen, wie gewalttätig aber auch satirisch der Film wirklich werden wird. Über das Thema Gewalt ließ der Regisseur selbst einmal verlauten: “Ich nehme die Gewalt nicht sehr ernst. Ich finde Gewalt sehr komisch, vor allem in den Geschichten, die ich zuletzt erzählt habe. Gewalt ist ein Teil dieser Welt, und die Ungeheuerlichkeit alltäglicher Gewalt zieht mich an. Nicht Menschen, die andere Menschen von Hubschraubern auf flitzende Eisenbahnen herunterlassen, oder Terroristen, die irgendetwas kapern oder kidnappen. Alltägliche Gewalt können Sie in einem Restaurant beobachten, wo ein Mann und eine Frau sich streiten, und plötzlich wird der Typ so wütend, daß er ihr die Gabel ins Gesicht rammt. Das ist total verrückt und comichaft – aber es passiert; so boxt und brüllt sich die alltägliche Gewalt in ihren Alltag”.[4]

Eli Roth soll im Zuge der Filmvorführung in Cannes über den Film gesagt haben: “Für mich als Jude ist das so etwas wie ein koscherer Porno”.[5]

Nazi-Exploitation, WWII im Spaghettiwesterngewand, popkulturelle Dekonstruktion und koscherer Porno zugleich – Ich freue mich drauf!

[1] Geoff Andrew: stranger than paradise, Mavericks – Regisseure des amerikanischen Independent-Kinos. Mainz 1999. S. 293.
[2] Georg Seeßlen: Der romantische Dekonstruktivist. In: epd Film 7/89.
[3] Stefan Stosch: Das Kino besiegt Hitler. In: General Anzeiger 21.05.09.
[4] Quentin Tarantino: Erst die Antworten, dann die Fragen. Ein Interview mit Graham Fuller (Übers. Miriam Mandelkow). In: Quentin Tarantino, Reservoir Dogs, Das Buch zum Film. Reinbek bei Hamburg 1997. S. 17.
[5] Stefan Stosch: Das Kino besiegt Hitler. In: General Anzeiger 21.05.09.

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1 Kommentar zu „The Reel-Basterds“

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