Archiv für Mai 2009

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Von Marinetti zur Ästhetik des Kriegsfilms

Die Ästhetik der Kriegsfilme erinnert sehr stark an jene, die in den futuristischen Manifesten beschrieben wird. Namentlich Marinettis Manifest zum äthiopischen Kolonialkrieg, aus welchem auch Walther Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz zitiert, ist zu entnehmen, welche Schönheit die Bilder des Krieges beinhalten. Dort heißt es, dass „der Krieg schön ist, weil er das Gewehrfeuer, die Kanonaden, die Feuerpausen, die Parfums der Verwesungsgerüche zu einer Symphonie vereinigt”[1]. Diese, vom Futurismus postulierte Schönheit des Krieges, die in einer Ästhetik des Krieges aufgeht, schlägt sich eben im Kriegfilm exemplarisch nieder. Geht es Marinetti noch um die Begründung der Herrschaft über die unterjochte Maschine, so wird dem Kriegfilm die maschinelle Gerätschaft zum ästhetischen Selbstzweck der Zerstörung. Der Verweis auf die futuristischen Manifeste wird hier erbracht, da diese, in einer positiven Lesart, als ästhetischer Leitfaden zur Produktion der filmischen Bilder dienen könnten. Denn nichts anderes wird dem Zuschauer hier geboten: „Im Krachen von Kugeln und Granaten, Explodieren von Häusern, Brücken, Türmen, im massenhaften Vernichten von Leben, im Zerplatzen von Körpern und Spritzen von Blut liegt ein Schauwert, der Attraktion und Schauwert für sich ist”[2]. Das moralische Empfinden des Zuschauers wird eben in diesen Momenten kompromittiert, indem der Aufklärungsgestus zu Gunsten der Unterhaltung suspendiert wird. Auch in sofern eignet sich der Kriegsfilm mit der Wahl seines Raumes als perfekte Ästhetisierungsoberflache der Grausamkeit. Dem Zuschauer soll vor dem filmischen Ereignis klar sein, dass Krieg per se schlecht ist. Die Ablehnung gegenüber dem Gegenstand der Erzählung wird hier einfach instrumentalisiert. Solange der Zuschauer das aufgeklärte Wissen um die Schlechtigkeit des Krieges im Allgemeinen mit sich bringt, dessen moralische Integrität also allgemeinverbindlich vorausgesetzt wird, darf er diese den Film über getrost vergessen und sich an den Bildern ergötzen. Darum ist es dem Genre so sehr daran gelegen, als eines der kritischen Reflexion wahrgenommen zu werden. Dass die kritische Distanz dann im Zuge des dargestellten Bilderrauschs in ihr Gegenteil umschlägt, ist ökonomisches Kalkül.

Unter diesen Prämissen bzw. mittels der futuristischen Lesart ist es interessant, sich die nachstehenden Sequenzen aus Apocalypse Now und Saving Private Ryan, zwei der bekanntesten sog. Antikriegsfilme, denen ein klar seitens der Regisseure formulierter Anspruch der Aufklärung oder auch der Sensibilisierung vor den Schrecknissen gewaltätiger Konflikte zu Grunde liegt, noch einmal anzuschauen (Natürlich erscheinen die Sequenzen hier aus dem weiteren Kontext der Filme heraus gehoben. Und obwohl der Kontext in Hinblick auf Gewaltästhetik das eigentlich entscheidende Moment ist – dazu im weiteren Verlauf des Blogs mehr -, stehen eben jene Szenen doch exemplarisch für die Gesamtstilistik und Ästhetik beider Werke; es geht zunächst lediglich um die unmittelbare Veranschaulichung oben genannter These.).

Warnung: Die nachfolgenden Filmausschnitte sind extrem gewalttätig und sollten nicht von Personen unter 18 Jahren angesehen werden!

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Videosampler#1

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Der erste GHOSTOFTHEMOVIE Videosampler ist fertig und wartet mit einer bunten Melange allerlei kinematographischer Spielereien auf. Von einer atemberaubenden Aufnahme in einem Wellenkanal, über einen zunehmend wütend werdenden Drachen, der einfach nur entspannen möchte, bis hin zu knallharten Gewaltobsessionen und ambitionierter No-Budget-Kleinkunst ist alles vertreten. Vorhang auf und viel Spaß!

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Exploitation Arts

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Gerade habe ich mir auf einestages die Filmplakatgalerie Die albernsten Horrofilmplakate angeschaut (danke Marc) und muss wirklich sagen, dass mir diese Zusammenstellung viel Freude gemacht hat. Da es sich bei der Galerie nahezu ausschließlich um Exploitationfilme handelt, habe ich selbst noch ein wenig recherchiert, um ein paar Bizarrerien und Absurditäten hinzuzusteuern. Hier meine persönlichen Favoriten und ja, so etwas gibt es wirklich. Menschen mit geschmacklich allzu empfindsamen Sinnen bitte jetzt wegschauen.

Eine riesige Sammlung solcher Plakate gibt es hier zu finden; viel Spaß beim Stöbern! Und da der Film Reefer Madness meine ganz besondere Aufmerksamkeit erregt hat, habe ich ihn auch gleich noch gesucht und gefunden. Das programmatische Anticannabiswerk aus dem Jahre 1936 stellt den kläglich gescheiterten Versuch eines Aufklärungsfilms dar und wird auf Wiki wie folgt zusammengefasst: “Der Film erzählt die tragische Geschichte von braven High-School-Schülern, die nach dem Genuss von Cannabis vergewaltigen, sich umbringen und dem Wahnsinn verfallen.” – Ein Spaß für die ganze Familie!

Update

Vorhin hat mich Robert (Vielen Dank!) noch auf einen anderen wichtigen Aufklärungsfilm der Epoche aufmerksam gemacht: Sex Madness / 1938 / Dwain Esper.

Dieses großartige Werk möchte ich euch nun nicht vorenthalten, denn ein jeder soll natürlich auch vor den Gefahren des Geschlechtsverkehrs gewarnt sein, oder, wie Robert es in seiner Mail an mich ausdrückte: “Danach wirst du verstehen, daß sexuelle Lust etwas hochgradig Verwerfliches ist und eine größere Gefahr für die freie Welt darstellt, als es sämtliche Armeen, Rüstungskonzerne, die Wall Street, Lobbyisten, Karrieristen, politische Parteien, Finanzämter etc. jemals sein könnten.” Viel Spaß!

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Quiz

Wer kann mir alle Film- bzw. Serientitel zu den am linken Rand im Filmstreifen zu sehenden Bildern nennen? Hier nochmal die Bilder:

[Galerie nicht gefunden]

Der Erste, der alle Titel richtig im Kommentarfeld angibt, wird mit einem meiner Lieblingstrashfilme auf DVD belohnt: Dinosaur Island

InselderDinosaurier_1Die Geschichte ist schnell erzählt. Eine kleine Einheit Marines, bestehend aus drei in Ungnade gefallenen Soldaten und ihren Vorgesetzten, befindet sich im Flug über einen beliebigen Ozean. Die drei jungen, zumeist am Geschehen völlig desinteressierten Soldaten, sollen in irgendein Militärgefängnis überstellt werden, um dort eine disziplinarische Strafe zu verbüßen. Aus nicht näher geklärten Gründen stürzt das Flugzeug ab (phantastisch im Film durch Zoom auf das Wasser und einem Scheppern im off in Szene gesetzt) und die Mannschaft landet auf einer bis dato unentdeckten Insel. In der nächsten Szene sehen wir die Protagonisten (völlig trocken und perfekt frisiert) ihr Rettungsboot an den Strand ziehen und sich der Situation mittels strenger Reflexion gewahr werden. Im Rettungsboot liegt ein Veletzter (kein Mensch weiß, wo der plötzlich herkommt), und – auch ganz toll – er ist angeschossen. Doch wir wundern uns nicht, bekanntlich ist ja die häufigste Ursache bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen ein sauberer Schuss mitten ins Herz. Jetzt stecken die Marines echt in der Scheiße. Verloren auf einer einsamen Insel, Funkgerät im Eimer, Lebensmittel knapp, aber – Gott sei Dank – bis an die Zähne bewaffnet. Und das ist auch nötig, denn so unbewohnt ist die Insel gar nicht, was unseren absurden Helden nun sehr nachdrücklich bewusst wird, als ein Dinosaurier des Weges kommt und ihren sterbenden Kameraden einfach verspeist. Die Jungs feuern aus allen Rohren (ca. drei Minuten lang in einer Einstellung), jedoch ohne dem Biest sichtlichen Schaden zuzufügen. Doch die Rettung naht. Beherrscht wird die Insel nämlich von einem Stamm heißer, nur sehr spärlich gekleideter, jungfräulicher Amazonen, die unsere Marines unter ihre Fitiche nehmen. InselderDinosaurier_2Gemeinsames Merkmal aller Stammesangehörigen ist übrigens, dass sie echt große Brüste haben und sich bei jeder Gelegenheit die Klamotten vom Leib reißen – yeahh, eine Offenbarung für den Zuschauer. Für unsere Marines im Übrigen auch, die von da an nur noch dement lächelnd durch den Film stolpern. Doch wie können sie den begehrten Jungfern wohl die Freuden der Lust am anderen Geschlecht näher bringen, wenn diese doch Wilde und zudem dem Mannesvolke gar nicht vertraut sind. Auch hierfür wussten die schlauen Drehbuchschreiber ein Lösung: Die Amazonen bestechen durch perfektes Englisch, das sie einst von Missionaren lernten. Die Jungs noch verwirrt von so viel Zufall, werden dann auch noch mit dem Umstand konfrontiert, dass sie Götter seien, was ihnen die schnukkelige Pornoschamaninen anhand der heiligen Prophezeiung erklärt. Denn einer der Jungs trägt das Zeichen, das geheiligte Zeichen, einen auf den Oberarm tätowierten Smily, der gleiche, der auch das Ende der heiligen Prophezeiung schmückt. InselderDinosaurier_3Voller Glück weihen die Soldaten unseren liebgewonnenen, jederzeit ganzkörpereingeölten Amazonenstamm mit Bikiniabdrücken im Gegenzug nun in ihre heilige Schrift ein, mit der Bitte, selbige auswendig zu lernen: Einem Sexmagazin. Anschließende Wissenabfrage zieht sich nahtlos durch den Film. Ein paar erotische Wasserspiele, diverse Stelldicheins, erschossene wie explodierte Dinosaurier und ein stamminterner Bitchfight (großartig wie die eine schreiend der anderen, ebenfalls schreiend, an die Brüste greift und diese knetet – eine Kampfmethode, die mir unter Frauen völlig neu war) um die Voherrschaft später, wird zu guter Letzt noch geheiratet – klar, was auch sonst. Auch der alte Offizier kriegt eine ab und alle leben glücklich auf der Dinoinsel, bis der Film abspannlos endet.

Na wenn das kein Anreiz ist…

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Warum es den sog. Antikriegsfilm nicht gibt

an

Da ich in nächster Zeit über Kriegsfilme schreiben und diese im Kontext ideologischer Gewaltdarstellung untersuchen werde, möchte ich zunächst eine kurze Einführung in Form zweier Artikel geben, auf deren Basis weitere Auseinandersetzungen mit diesem Genre verständlicher werden. Die Artikel sind meiner Magisterarbeit entnommen und haben auch dort die Funktion einer Einführung.

Das Genre des sog. Antikriegfilm existiert nicht. Dies lässt sich aus der Beobachtung schließen, dass der Antikriegsfilm sich selbst als aufklärerisches Genre begreift und dabei dem selbst auferlegten Diktum folgt, Krieg als Barbarei darzustellen. Antikriegsfilme wollen also eine moralische Instanz einnehmen und dem Zuschauer warnend vermitteln, dass Krieg verabscheuungswürdig und unter allen Umständen zu vermeiden sei. Und dies soll dadurch erreicht werden, indem fortwährend die abscheulichsten Bilder von Kriegen produziert werden[1], eingebettet in Geschichten, die nach den konventionellen Erzählmustern der Filmindustrie funktionieren. An diesem Punkt führt sich der Antikriegsfilm selbst ad absurdum, wenn „er das Grausame beklagt und dafür unentwegt Bilder des Grausamen zeigt”[2]. Gerade der Krieg bietet sich, als anarchischer Raum in Vollendung, zur Produktion höchst ästhetischer Gewaltbilder an, die dem Zuschauer den gleichen visuellen Reiz bieten sollen, wie die spektakulären Showdowns im Actionfilm. Nur dass sich in diesem amoralischen Raum die Ästhetisierung und damit der Schauwert in ihr Extrem steigern. In diesem Szenario werden dann noch die gleichen seriell produzierten, konventionellen Heldengeschichten erzählt, die das typische Erzählkino ausmachen. Die variierenden Schauplätze des Kriegfilms dienen also als Folie der Faszination, da sich auf dieser Strategie, Körperästhetik, Heldentum, Kameradschaft und vor allem das Sterben exemplarisch darstellen lassen, „woraus seine Eignung für das Melodram, das Heldenspektakel, opulente Bildästhetik, sowie die Emotionen Rührung und Mitgefühl resultieren”[3]. Der Krieg als Situation, als Raum einer filmisch erzählten Geschichte, eignet sich wie kein zweiter, um mit klaren ideologischen Demarkationslinien zu arbeiten, wie Gut und Böse, Schuld und Unschuld oder Täter und Opfer, die die dargestellte Gewalt rechtfertigen sollen. Ein Spezifikum des Antikriegsfilms ist überhaupt die grundlegende Tatsache, dass in ihm Gewalt in erster Instanz überhaupt nicht mehr gerechtfertigt werden muss, da sie im Kern schon vorliegt: Kriegschauplätze sind Schauplätze der Gewalt, der Kriegsfilm rechtfertigt seine Gewaltdarstellungen per se, aus seiner eigenen Grundkonstitution heraus. Mit der Wahl des filmischen Erzählraums Krieg ist die dargestellte Gewalt schon im Voraus gerechtfertigt, da Krieg zunächst nichts anderes als Gewalt ist. Allein diese aller Moral entbehrende Strategie macht deutlich, warum es den sog. Antikriegfilm nicht geben kann, da „Kriegfilme das ausbeuten, was sie sichtbar machen – gerade wenn sie behaupten, gegen das zu sein, wofür sie so mühevoll ihre Bilder arrangieren, denn schon während sie die Gewalt anprangern, huldigen sie ihr zugleich. Auch wenn sie noch so strikt gegen den Krieg argumentieren, feiern sie zugleich seine Mittel”[4]. Der Kriegfilm (der programmatische Präfix anti- wird im Folgenden weggelassen) ist zudem in seiner Herstellung äußerst kostspielig und steht somit unter der Zielsetzung wirtschaftlicher Rentabilität. Er muss unterhaltend sein, wenn er die Produktionskosten wieder einspielen soll. Die Ästhetisierung der Barbarei sorgt für den nötigen Schauwert, der das Publikum in die Kinosäle locken soll. Also wird die Barbarei zur Unterhaltung stilisiert, woran die grundlegende Verfehlung des eigenen aufklärerischen Diktums deutlich wird: was im moralischen Sinne belehren soll, kann nicht unterhaltsam sein. Das Genre bedient sich im Wesentlichen der gleichen Erzählmuster wie der Actionfilm, konstituiert sich aus den gleichen wirtschaftlichen Vorgaben und wendet die gleichen ideologischen, melodramatischen oder mythischen Milderungs- und Abschwächungsmechanismen an, durch die auch die Gewalt im konventionellen Actionfilm für den Zuschauer berieselnd – genussvoll aufbereitet wird. Der Krieg wird hier nicht zum Gegenstand der Kritik erhoben, sondern dient der extremsten Gewaltdarstellung zum Selbstzweck. Insofern „sind und bleiben Kriegsfilme die Bastarde des Kinos”[5].

[1] „Sie (Kriegsfilme) beschwörend den Himmel und beschreiben die Hölle”. Norbert Grob, Akt der Gewalt, Zur Faszination von Schrecken und Gewalt im Kino, in: Marcus Stiglegger (Hrsg.), Kino der Extreme, Kulturanalytische Studien, St. Augustin 2002, S. 172.

[2] Ebenda, S. 172.

[3] Thomas Klein, Der inszenierte Krieg, Emir Kusturicas Underground, in: Marcus Stiglegger (Hrsg.), Kino der Extreme, Kulturanalytische Studien, St. Augustin 2002, S. 227.

[4] Grob, Akt der Gewalt, S. 172.

[5] Ebenda, S. 172.

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